Schlagwort-Archive: Hebamme

„Weil ich ein starkes Mädchen bin, Schatz…“

Standard

In den letzten Monaten ist mir viel über das Geburts(hilfe)system in Deutschland bewusst geworden, was mir vorher nicht so klar gewesen ist. Diesmal drehen sich meine Gedanken um übergewichtige Schwangere und deren Begleitung durch ihre aufregende Zeit der Mutterwerdung. Wie damals schon geschrieben, gehöre ich selbst zu den Frauen, die in der Plus Size Ecke einkaufen gehen. Und das nicht erst seit Kurzem, sondern seit meiner Kindheit und natürlich auch durch meine Schwangerschaften hindurch.

Während meiner Praxiseinsätze habe fest gestellt, wie verbohrt medizinisches Personal auf das Thema Übergewicht reagiert. Wenn man glaubt, die Behandlung von Schwangeren und Gebärenden wäre in unserer Kultur an der Pathologie orientiert, dem kann man noch einmal ein Klimax zeigen bei der Betreuung von übergewichtigen Schwangeren.

Dazu muss ich sagen, dass ich selbst davon wenig (wenn auch nicht garnichts) mitbekommen habe. Das mag daran liegen, dass ich mir bewusst ausschließlich Hebammenhilfe gesucht habe, die sehr auf die Physiologie bedacht war. Mir hat nie jemand gesagt, ich könne keine spontane Geburt haben, sie wäre schwieriger für mich oder ich würde meine Kinder durch mein Übergewicht gefährden.Meine Schwangerschaften waren problemlos, meine Geburten schnell und vergleichsweise leicht, meine Kinder gesund.

Nun ist nicht zu bestreiten, dass adipöse Schwangere statistisch gesehen diverse erhöhte Risiken haben an schwangerschaftsbedingten Komplikationen zu leiden.

Aber ich glaube nicht, dass das der springende Punkt ist. Es ist viel mehr die Angst der Menschen vor dem Übergewicht, vor der Identifikation mit dem Thema und mit allen, die es sind. Das geht manchmal bis zu einer unterbewussten Angst davor, sich mit „dieser Krankheit“ anzustecken. Auf einmal, wenn man der Thematik Übergewicht Raum gibt und sich damit ehrlich beschäftigt, selbst diese Willensschwäche und Maßlosigkeit in sich zu spüren, die man übergewichtigen Menschen andichtet. Ähnlich wie wenn jemand von Läusen spricht und alle fangen sich an zu kratzen.Das Thema Übergewicht ist in unserer Gesellschaft von offen geäußerten Vorurteilen behaftet, wie man es selten mehr über andere „Randgruppen“ antrifft.

Dementsprechend werden bei Frauen mit Adipositas häufiger Kaiserschnitte gemacht, obwohl diese nicht nötig sind. Auch eine PDA wird häufiger angeboten (und damit die Interventionsrate noch einmal drastisch erhöht). Man traut „den Dicken“ nichts zu und das Fatale ist, dass sie es sich selbst auch oft nicht zutrauen.

Es gibt Problematiken, die teufelskreismäßig ineinander greifen, die zum Übergewicht führen: Menschen haben einen schwerwiegenderen, oft unbewussten, Grund dick zu sein und ihrem Körper und ihrer Seele die damit verbundenen Schmerzen und Unannehmlichkeiten zu bereiten, als es nicht zu tun. Wenn sich die Seele gezwungen sieht, sich emotional durch einen physischen „Panzer“ zu schützen, dann muss das ein starker Grund sein. Warum sonst würde jemand sonst so selbstzerstörerisch handeln?

Wenn ich auch in die Problematik rund um Adipositas nicht tiefer in diesem Blog eintauchen mag, so wird doch durch die Kurzbeschreibung eins klar: die Schwangerschaft und Geburt können ein echter Wendepunkt für Frauen sein. Sie könnten beginnen, ihren Körper (den sie oft dem Geist unterordnen in seiner Wichtigkeit) wert zu schätzen und sich selbst mit Staunen, Wunder und Stolz betrachten. Die Leistung, ein Kind in sich wachsen zu lassen, ihm Platz zu geben und es zu nähren und schließlich im Kraftakt der Geburt in diese Welt zu bringen macht zu Recht stolz wie eine Löwin. Es gibt Selbstvertrauen und kann eine Versöhnung mit sich selbst beinhalten.

Insofern hat die gute Betreuung von Schwangeren mit Adipositas einen extremen Präventionswert. Ich spreche nicht nur von sinkenden Krankenkassenkosten, die mir aktuell eher herzlich egal sind (wenn ich die unnötig bezahlten Kaiserschnitte so sehe). Eher meine ich damit glücklichere Menschen, die auch Eltern sind und damit glücklichere Kinder, die dann eine Chance haben, von ihren Eltern diese gewonnen, und dann gelebten Werte zu übernehmen.

Das stille Grauen, dass Pflegepersonal und Ärzte gleichermaßen überkommt bei der Betreuung adipöser Schwangerer ist ungerecht und schließt die Augen vor den Möglichkeiten, die sich ihnen bieten (wie so oft). Eingängig blieb mir folgende Szene in Erinnerung:

Hebamme A unterhält sich mit Hebamme B über übergewichtige Schwangere, die in dieser Klinik ihr Kind bekommen wollen. Die Gewichtsgrenze ist aktuell bei 130kg, weil der OP-Tisch (sollte etwas passieren) angeblich nicht mehr aushält. Hebamme A plädiert dafür, den Grenzwert noch weiter zu senken. Sie fände die Betreuung adipöser Frauen generell abstoßend, beobachtet die Frauen nur so viel sie muss. Sie ekelt sich vor vaginalen Untersuchungen, wo, wenn die Frauen die Beine aufstellen und sie spreizen sollen, immernoch kein freier Zugang zur Vulva zu finden ist, da das ganze Beinfett dazwischen hinge. Außerdem möge sie diese Frauen nicht in Wannen gebären lassen, frei gewählte Geburtspositionen sind auch nicht gern gesehen. Man könne ja „im Notfall“ die Schwangere nicht irgendwohin hiefen. Das schaffe man als so zierliche Person ja garnicht. Hebamme B nickt zustimmend und erklärt, dass sie hofft, während ihrer Schwangerschaften irgendwann einmal nicht auch so dick zu werden.

Mir fällt bei diesem Gesprächsklumpen mit Bedauern eine Frau ein, die ohne Weiteres meiner Meinung nach hätte gebären können. Eine wunderschöne, jedoch auch sehr übergewichtige Schwangere, die mit Zuspruch und entsprechender Begleitung sich keinen primär geplanten Kaiserschnitt hätte aufschwatzen lassen. Als ihr Mann ihr für die OP Antithrombosestrümpfe anzog und dabei schwitze und keuchte, weil es eine Menge arbeit ist diese hoch zu zuppeln, fragte er, wieso diese blöden Strümpfe so einschnüren. Daraufhin erklärte ihm seine Frau: „Weil ich ein starkes Mädchen bin, Schatz…“. Ihr dabei sehr trauriges Lächeln hat mich tief berührt.

Schade, dass das Potential in der Betreuung gerade dieser Frauen so wenig beachtet wird. Für mich ein Beweis dafür, dass es eben doch nicht um Prävention und das Wohlergehen aller geht, sondern vor allem um das eigene Ego und die inneren Ängste jedes einzelnen, denen sie zu entkommen versuchen.

Zu guter letzt noch zwei Blogs zum Thema:

Wellrounded Mama (engl.) – Eine Blog, auch wenn es aktuell nicht mehr geführt wird, doch einige sehr entwaffnende Posts über allgemein bekannte Fehlannahmen über adipöse Schwangere und Gebärende enthält.

Plus Size Birth (engl.) – Auch ein Blog einer Frau, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrung gern anderen übergewichtigen Schwangeren Mut machen möchte und eine Plattform bieten möchte, um das Thema von Ängten und Schweigen zu befreien.

A Fat Rand (engl. – Youtube) – Zu guter letzt mein Lieblingsvideo, das „Entspann dich mal“ und „Übergewicht“ kombiniert.

Meilenstein #1

Standard

Mein Einsatz im Kreißsaal ist zuende und der nächste Theorieblock hat begonnen. Rückblickend habe ich in diesem Einsatz wirklich viel gelernt.

Viel über Geburtsmedizin – wann wird eingeleitet, was sind Kaiserschnittindikationen, was sind häufige Abläufe, wo können Probleme entstehen, Medikamente …

Ein wenig über Geburtshilfe und -begleitung – wie wandeln sich gebärende Frauen in den unterschiedlichen Geburtsstadien. Die Gestik und Mimik, die Wortwahl, die Gesichtszüge, Bewegungen, Atem und Umgang mit den Wehen. Wie Frauen über sich hinaus wachsen, wie Frauen vor ihrer eigenen Kraft zurück schrecken. Wie manche Kinder den Großteil der Geburt allein zu machen scheinen, andere widerum kaum mithelfen. Kinder, die in Gesichtslage geboren werden, Frauen die ihre Vergangenheit überwinden und hinter sich lassen. Große und kleine Wunder.

Und sehr viel über mich.

Wie ich im Umgang mit den Frauen bin, was mir daran gefällt und woran ich arbeiten möchte. Was mir wichtig ist und worauf ich mich noch mehr konzentrieren sollte. Wo meine Ideale unangebracht sind und an welcher Stelle ich mich daran festklammern sollte. Über die Spiegelung meiner eigenen Erfahrungen und wie man diese nicht übermächtig werden lassen sollte. Über eigene Gefühlsregungen, Sympathien und Abneigungen und die Erschöpfung durch intensivste Geburtsbegleitung.

Alles in allem bin ich sehr dankbar für diese Ausbildung soweit. Auch, wenn mir die Situationen immer mal schwer fallen und die Geburtsmedizin alles anderem als meinen Wünschen für die Frauen und Kinder dieser Welt entsprechen – alles ist, wie es sein soll. Mein Weg fühlt sich richtig an.

In diesem Theorieblock lernen wir etwas, was ich seit Tagen mit gemischten Gefühlen beobachte: die vaginale Untersuchung und die dazu gehörenden Befunde. Einerseits ist das einer der Meilensteine auf dem Weg zum Examen: Vaginale Untersuchungen, „Dammschütze“, Plazentageburt und schließlich komplette Geburtsleitung. Und es ist ein weiterer Schritt in das, was die Leute oft als das empfinden, was Hebammen (und Gynäkologinnen) ihnen vorraus haben: den Zugriff auf das geheime weibliche Zentrum. Als hätte man Zutritt zu einer sehr gut geschützten, geheimen Tür. Und damit einhergehend die Annahme, man wäre auch sensibel und sanft genug, diesen Raum zu betreten – so wie sich das gehört, für das Allerheiligste.

Andererseits eben genau das: Eintritt in die Tiefen der Frau, der assoziierte Ort der Weiblichkeit und vor allem auch Verletzbarkeit einer jeden Frau. Und damit mächtige Verantwortung.

Für mich ist es eins bei der Geburt einer Frau dabei zu sein, sie zu massieren und nackt in einer ihrer schwersten, stärksten und schwächsten Momente zu erleben. Das ist intim. Aber noch etwas ganz anderes, direkt in sich vorzudringen immer im Bewusstsein um ihre Verletzbarkeit. Das ist über alle Maßen intim. Und ich bin jetzt – vor der Praxis – unsicher, wie ich damit umgehen können werde.

Ich kann mir sicher sein, dass meine vaginale Untersuchung um Befunde zu erheben anders ausfallen würde und wird als die mancher Hebammenkolleginnen. Nun auch an dieser manchmal entwürdigenden Praxis Teil zu nehmen füllt mich mit etwas gemischten Gefühlen.

In einer kleinen Gruppe haben wir heute verschiedenste Möglichkeiten bekommen, sowohl die Befunde zu erheben als auch die Rolle der Tastenden zu üben. Es waren verschiedenste Vulva-Würfel aufgebaut, hinter deren Gummioberfläche sich unterschiedlich weit geöffnete Muttermünder und verstrichende Gebärmutterhälse befanden, die wir ertasten und einordnen sollten. Ein Holzkasten mit Lochscheiben sollte uns ein Gefühl für die verschiedenen Weiten geben – von 1cm bis 10cm war alles dabei. Die grobe Anleitung, wonach man suchen sollte, wurde dann am geburtshilflichen Phantom aus Leder geüebt – der „Unterleib ohne Frau“ genannt. Dabei ganz wichtig: das Pokerface. Frauen schauen einen meißt genau an und lesen jeden Gesichtsausdruck ab. Ein überraschter, verwirrter, geschockter Gesichtsausdruck ist fast immer absolut nicht angebracht, egal was man ertastet. Die Gesichtszüge während der größten Konzentration unter Kontrolle zu bringen ist noch schwierig.

Letztendlich kann man sagen, dass wir uns am heutigen Tag alle ein bisschen hebammiger gefühlt haben als noch vor einigen Wochen. Im Raum kursierte die unausgesprochene Vision des Examenstag. Erster Meilenstein erreicht. Jetzt heißt es üben – mögen die Frauen es mir verzeihen – natürlich so sanft und einfühlsam wie irgendwie möglich.

Ich finde die Bilder von heute spiegeln den Zwiespalt, den ich beschreibe, gut wieder.

Wer anderen eine Grube gräbt …

Standard

Ein Problem im Berufsstand der Hebamme: Es ist die Motivation der Frauen, die Hebammen werden wollen, die oft unreflektiert bleiben und damit auf ganz subtiler Ebene begleitete Familien verletzen können. Dabei glaube ich nicht, dass Hebammen perfekte Menschen sein sollten. Und wäre sie es nicht, wäre sie eine schlechte Hebamme (der Ruf ertönt leider oft bei den Frauen und Familien und ich hab ihn in früherer Zeit auch schon selbst erklingen lassen). Aber reflektieren sollte sie darüber, warum sie diesen Beruf machen will und er sie so magisch anzieht.

Und jetzt Achtung: meine Theorie dazu!

Hebamme ist der archaischste, urweiblichste Beruf überhaupt. Frauen fühlen sich zu den Themen Schwangerschaft, Geburt, Stillen usw. hingezogen, weil sie das Thema Weiblichkeit fasziniert und wie magisch anzieht. Und meiner Theorie nach, haben genau diese Frauen (inkl. mir) ein großes Feld ihres „Lebensthemas“ mit der Problematik Weiblichkeit belegt. Blabla, will heißen: Frauen, die es zum Beruf der Hebamme zieht, haben/hatten ein Problem mit ihrer Weiblichkeit. Mit ihrer Entwicklung zur Frau, mit ihrer Identität als Frau, mit ihrer Beziehung zu Frauen, zur eigenen Körperlichkeit und Sexualität – oder alles auf einmal.

Damit kommt eine unglaubliche Stärke in die Geburtshilfe, nämlich dass die Hebammen-Frauen den Fokus auf Weiblichkeits-Themen legen und damit recht heilsam auf andere Frauen wirken können. Denn von einer Hebamme betreut zu werden bedeutet keineswegs nur, dass sie einen wiegt, misst und Werte notiert. Es ist ja der große Wert einer Hebamme, dass es eine Frau ist, die für eine andere Frau in einem urweiblichen Lebensumstand Ansprechpartnerin ist.

Es besteht aber auch eine Gefahr durch die Konstellation. Dadurch, dass man als Hebammen-Frau unreflektiert an die Arbeit geht. Es passiert ganz leicht, dass man versucht die Erlebnisse und Erfahrunge der Weiblichkeit anderer Frauen für sich selbst nutzt. Man nimmt einer frisch gewordenen Mutter das Neugeborene ab, wickelt es selbst und kann sich auf die Schulter klopfen, weil man einen Hauch des Lebens als junge Mutter schnüffeln konnte. Man leitet die Geburt einer Gebärenden, gibt ihr die Gebärart vor und unterbricht sie in ihrem Prozess – und hat hinterher die Gewissheit, dass die Frau ohne einen selbst nicht so gut geboren hätte, eine doofe Erfahrung gemacht, einen unintakten Damm hätte etc. Und wieder klopft man sich auf die Schulter – man hat die Frau entbunden.

Wir (werdenden) Hebammen können so leicht und subtil anderen Frauen ihre Erlebnisse „stehlen“. Wir können sie manipulieren, zu unseren eigenen machen und daraus Energie ziehen. Es ist ein sehr dünner Grat zwischen Manipulation und Hilfe zur Selbsthilfe, den wir da laufen müssen. Und keine von uns ist davor gefeit, uns das eine oder andere Mal schuldig zu machen.

Ich glaube mit ganzem Herzen:

wir müssen uns metaphorisch die Hände in die Schöße legen, innerlich ruhig werden und tief durchatmen bevor wir andere Frauen betreuen. Es sind ihre Erfahrungen, ihre Erlebnisse und ihre Entscheidungen. Wir sollten den Frauen helfen, ihren eigenen Weg zu finden, zu ihrer eigenen Stärke zu finden und diese zu benutzen. Wir dürfen unsere Arbeit nicht missbrauchen. Und wir haben auch die Aufgaben als Hebammen-Frauen, selbst Frau zu sein – unsere eigenen Erfahrungen in unserer Weiblichkeit zu machen, unsere eigenen Kinder zu gebären, unsere eigene Sexualität zu gestalten, unsere eigene weibliche Stärke zu finden.

Denn wenn wir die Frauen ihrer Erfahrungen und Erlebnisse berauben, dafür unrechtmäßíg die Verantwortung tragen, dann stehlen wir uns selbst auch ein großes Stück Stärke. Wir glauben dann, dass die Frauen (und Kinder und Väter) nicht selbst dazu in der Lage sind. Man sagt: Makrokosmus gleich Mikrokosmus. So wie wir die Menschen sehen, so denken wir auch von uns selbst. Wir berauben uns dadurch selbst genauso, wie die Frauen, die wir betreuen…

* Nacheditiert: Diese ganzen Prozesse laufen selten bewusst ab.

Ruhe vor dem Sturm

Standard

Noch wenige Tage und ich mache den Schritt in die Ausbildung zur Hebamme. Noch vor wenigen Monaten war ich mitten im Bewerberinnenalltag, hab auf meine Einladung, mein Gespräch, meine Zusage gehofft und gebangt. Das alles liegt hinter mir und wenn ich wahllos Beiträge in ein Bewerberinnenforum anklicke, dann berührt mich das alles kaum noch. Es liegt hinter mir und ich kann mich kaum noch einfühlen. Es gibt da dieses Sprichwort:

„Man kann weit denken, aber nicht weit fühlen.“

Diese ganz plötzliche Sichtänderung gab es schon einige Male in meinem Leben, am eindrucksvollsten vor Geburten und danach (meinen eigenen).

Genauso fühle ich mich jetzt auch. Wie eine Schwangere, die auf die Geburt ihres Kindes wartet. Voller Vorfreude und Aufregung, dass es jetzt tatsächlich endlich soweit ist. Dass mein Leben sich komplett ändern wird, von heute auf morgen. Dass mir große Herausforderungen bevorstehen, unter denen ich mich beweisen und an denen ich wachsen kann.

Aber auch Angst vor der Veränderung, vor der Anstrengung, dem Versagen und davor, dass etwas schief geht. Auch die Bequemlichkeit, mit der ich mich in dieser Lebensphase eingerichtet habe – von der man dann Abschied nehmen muss. In manchen Momenten fühle ich ein „Jaa! Endlich!“, in anderen ist es ein „Och, es kann ruhig noch ein Weilchen so bleiben, wie es jetzt ist.“.

So, wie ich die letzten Tage vor den Geburten meiner Kinder rum gebracht habe, mach ich das diesmal auch: eine Stunde nach der anderen, ein Tag nach dem anderen. Alles nochmal richtig genießen und dann mit einem so leichten Herzen wie möglich vertrauensvoll den Schritt von der Klippe wagen, wenn es soweit ist.

Und zur Stimmungserläuterung einen Soundtrack zu diesem Eintrag. Übrigens einem der ersten waschechten „Live und in Aktion“-Berichte über meine tatsächliche Ausbildungszeit :)

Familienorientierter Kaiserschnitt

Standard

Vor Kurzem habe ich ein Video auf Youtube gefunden, das ich gern mit euch teilen will. Nun ist es mir wohl bekannt, dass die meisten werdenden Hebammen während ihrer Ausbildung diese Art von Kaiserschnitt vermutlich nicht erleben werden. So hohe Erwartungen habe ich garnicht. Aber meine Hoffnungen sind schon so hoch – denn irgendwann wird sich etwas ändern müssen. Ich hoffe, die Möglichkeit, eine Kaiserschnittgeburt auf diese Art und Weise zu gestalten spricht sich herum und sowohl wir – die Hebammen von morgen – als auch die werdenden Eltern fordern, dass sich das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Familienorientierung der Geburtshilfe etabliert.

Wie der Chirurg im Video sagt: es ist wirklich ein marginaler Unterschied im Aufwand, aber ein riesiger Unterschied was die Zufriedenheit, das Erlebnis und das Bonding der Familien angeht.

(Das Video ist auf Englisch (UK), aber die Bilder sprechen auch für sich):

Ein Weg, wie man als werdende Eltern auf eine frauen-, baby- und familienorientierte Geburtshilfe während des Kaiserschnitts hinarbeiten kann ist der Geburtsplan (über den ich auch mal schreiben will *notizmach*). Dieser knackig-kurze Plan wird idealerweise mit dem betreuenden Personal vorher besprochen oder zumindest in den Mutterpass gelegt und sollte für einen Kaiserschnitt meiner Meinung (und nach Aussage des Videos) folgendes enthalten:

  • Wenn möglich sollten körpereigene Wehen abgewartet werden, bevor man zum Kaiserschnitt greift. Dieses Vorgehen ist in den allermeisten Fällen möglich und erleichtert dem Kind die Anpassung an die Welt außerhalb des Bauches durch die Ausschüttung diverser Stoffe.
  • Der Vater sollte während der OP anwesend sein und neben seiner Frau stehen dürfen.
  • Die OP sollte mit einer Spinale oder PDA gemacht werden, Vollnarkosen nur für den absoluten Notfall reserviert sein.
  • Katheter zur Ableitung des Urins sollten erst gesetzt werden, wenn die Narkose bereits wirkt – dieser Eingriff ist nämlich meist unangenehm.
  • Während der OP sollte der Kreißsaal, in den man hinterher wieder gebracht wird, abgedunkelt, eventuell mit Kerzen bestückt werden. Eine ruhige Atmosphäre sollte ermöglicht werden.
  • Während der OP sollte das Kind langsam entwickelt werden, sodass eine gradweise Ankunft in dieser Welt möglich ist und das Kind durch die Kompressionen Fruchtwasser los werden kann.
  • Die Nabelschnurr muss nicht sofort durchtrennt werden, das Auspulsieren lassen ist auch während der Kaiserschnitts meist möglich. Die Plazenta beinhaltet nach der Geburt fast noch 1/3 des Blutes, das dem Kind ohne Auspulsieren und Blutübertragung sonst fehlen würde. Atemschwierigkeiten und Probleme mit der Sauerstoffversorung und Temperaturhaltung sind die Folge. Der Vater kann die Nabelschnur selbst durchschneiden bzw. kürzer schneiden durch eine dritte Nabelklemme.
  • Das Kind kann sofort auf die nackte Brust der Mutter gelegt werden. Die Hebamme kann sich um alle folgenden, sofort nötigen Untersuchungen kümmern, während das Kind dort liegt.
  • Wiegen, Vermessen u.Ä. kann nach der Bondingzeit im Kreißsaal vor der Verlegung auf die Wöchnerinnenstation stattfinden.
  • Wieder im Kreißsaal angekommen sollten Mutter und Kind zwar von einer Hebamme „überwacht“ werden, um Komplikationen auszuschließen, aber nichtsdestotrotz lässt sich dieser Moment ruhig und intim gestalten.
  • Das Kind kann sofort stillen. Manche Kinder haben auch nach solch einem Kaiserschnitt Schwierigkeiten von selbst zur Brust zu finden. Mit etwas Stillhilfe klappt es jedoch in den meisten Fällen gut.

Der Aufenthalt auf der Wöchnerinnstation ist auch ein Thema um einen schönen, angenehmen, geborgenen Start in das Familienleben zu erleben:

  • Familienzimmer mit Rooming in für den Vater und evtl. Geschwisterkinder (mit 3 weiteren Kindern ist das sicher schwieriger als mit einem weiteren Kleinkind…)
  • Die Mutter mit in die Säuglingspflege einbeziehen sobald sie dazu in der Lage ist (körperlich). Bis dahin alles genau erklären, sanft und vorsichtig mit dem Neugeborenen umgehen. Der Mutter fällt es oft leichter zu akzeptieren, dass ihr Kind von einer fremden Frau versorgt wird, wenn man es sehr liebevoll macht und die Mutter soweit es geht verbal involviert. Mit Fragen, die aus ihrer Erfahrung kommen und zur Pflege beitragen, kann man ihre Selbständigkeit und bereits jetzt vorhandene Fürsorgemöglichkeit dem Kind gegenüber verdeutlichen.
  • Stillhilfe bieten, wann immer gebraucht.
  • Mutter und Kind im selben Bett schlafen lassen, dazu die Seiten des Bettes sichern. Die Mutter aufklären zum sicheren Schlafen und ermutigen zum Co-Sleeping.
  • Den Vater, wenn er anwesend ist, sollte ermutigend in die Pflege des Neugeborenen eingeführt werden. Es gilt: Eltern vor Personal.

Ich halte Geburtspläne für enorm wichtig, auch wenn sie in manchen Kliniken nicht für voll genommen oder sogar mit Missmut betrachtet werden. Nur durch unsere Forderung, Personal und Privatperson gleichermaßen, wird sich etwas ändern.

Die eigene Erfahrung am Steuer

Standard

Gestern habe ich ein Youtube-Video einer Frau gesehen, deren Blog ich seit einiger Zeit verfolge. Sie hat ihre Tochter, ihr drittes Kind, zuhause allein in der Gebärwanne geboren (interessiert? Schaut mal hier: „Stand and Deliver„).

Während ich ihr zugeschaut hab wie ich sie ihre Geburt bearbeitet und Wehen veratmet, hab ich mich natürlich zurück versetzt in meine Geburten gefühlt. Mal davon abgesehen bleibt es ein fast unbegreifbares Wunder für mich, dass eine Frau ein Kind durch sich selbst aus die Welt bringen kann. Der Akt der Geburt bleibt für mich ein großes Naturereignis, begleitet von Staunen, Erfurcht und Demut.

Worauf ich aber hinaus will: während ich ihr zugeschaut habe, hatte ich das Bedürfnis danach ihr zu helfen. Sie zu retten, etwas was ihr die Arbeit erleichtert oder sie sogar für sie erledigt. Ich  merkte, wie ich während jeder Wehe mitfieberte und nach Anzeichen suchte, dass etwas nicht stimmt.

Das ist eine große Erkenntnis für mich.

Denn das ist vermutlich eine der Wurzeln, warum man als Geburtshelferin Unheil anrichten kann. Der Wunsch einzugreifen, zu helfen, zu erleichtern, abzuwenden. Das Schrillen falscher Alarmglocken und das Missverstehen der Nuancen dieses großen Naturschauspiels. Das fällt ja dem Menschen bekanntlich öfter mal schwer: zu verstehen, dass das eine existieren kann – genauso wie das andere, zeitgleich und gleichwürdig. Trotz Schmerz kann auch Freude, tiefe Berührung, Angst und Mut, Widerwille und Loslassen existieren.

Und dass man nicht das Recht hat, der Frau diese Erfahrungen zu stehlen oder abzuwenden. Es ist eine Gratwanderung zwischen Hilfe anbieten, aber nicht verunsichern und aufdrängen.

Diesen Grat zu begehen, darauf kommt es wohl an.

Die Schwangerschaft beenden

Standard

In den letzten Tagen geht mir immer wieder das Thema Schwangerschaftsabbruch durch den Kopf. Auch das wird ein Teil der Ausbildung zur Hebamme sein, in meiner Schule und auch sicher in anderen.

— *blitz* —

Meine liebe Freundin Anna während ihrer Ausbildungszeit. Im Abwaschraum stehend. In ihrem Arm liegt ein Kind, geboren in der 22. Schwangerschaftswoche. Die Mutter wollte es nicht austragen. Irgendeine Trisomie. Aber gestorben ist es noch nicht während der eingeleiteten Geburt. Es lebt, wenn auch kaum. Die Ärzte und Hebammen drücken den kleinen Jungen Anna in die Hände, soll sie sich darum kümmern. Sie schaut sich das kleine Menschlein fassungslos an, er allein gelassen von seiner Mutter, sie allein gelassen von ihren Ausbilderinnen. Irgendwann gibt der Kinderarzt dem Kleinen Schmerzmittel – quasi als kleiner Akt der Menschlichkeit. Das Kind hört irgendwann auf zu atmen. Es wurde viel zu früh aus dem nährenden Bauch der Mutter geworfen und in den Hinterraum zum Sterben einer jungen Frau überlassen.

— *blitz* —

Der Test ist positiv. Meine Freundin Viktoria wusste es vom Moment der Einnistung an. Auch sie wollte Hebamme werden, hat gerade einen Platz an einer Schule bekommen. Sie hat bereits drei Kinder, die Finanzen stehen schlecht, sie will endlich ihren Traum erfüllen. Wie in Trance rennt sie von einem Arzt zum nächsten um die Abtreibungspille Mifegyne zu bekommen. Die Zeit tickt und wenn erstmal ein Herz schlägt bringt sie es nicht mehr über sich, sagte sie. Sie weint und fleht dieses wachsende Leben in ihr an, los zu lassen und wieder zu gehen. Zu warten, bis sie bereit ist wieder eine gute Mutter zu sein. Zellhaufen sagen manche, sie weiß es besser. Nach 1,5 Wochen – wenige Tage das Herz fertig gebaut gewesen wäre und begonnen hätte zu schlagen – bekommt sie eine heftige Blutung. Es gab keine Abtreibung, es war eine Fehlgeburt.

— *blitz* —

Zwei Szenarien, das selbe Tabu. Die Frage darum, welches Kind durch den eigenen Körper (oder den anderer) die Welt betreten dürfen und welche von uns weggeschubst werden. In einem Stadium, wo noch kein anderer Mensch über die Existenz oder Nicht-Existenz dieses Wesens entscheiden kann – bis auf uns. Wir sind die Konfrontation mit dem Tod nicht mehr gewöhnt. Tod ist etwas, was anderen passiert. Wir schlachten nichtmal unsere Hühner selbst, die auf unseren Tellern landen – wir gehen einfach in einen Laden und kaufen sauberes, blutleeres Fleisch. Die Entscheidung, ob wir ein Wesen in das Leben bringen lag schon immer bei uns Frauen. Sie ist keine einfache und deshalb macht sie den Menschen Angst, Frauen – aber auch vor allem Männern.

Die Polarisation unserer heutigen Gemeinschaft macht auch davor keinen Halt. Kann eine Frau eine Schwangerschaft beenden, das Kind töten (lassen) – und es trotzdem lieben? Kann es ihr das Herz zerreißen, wenn sie es gehen lässt? Kann sie Trauer und Erleichterung zugleich empfinden, wenn sie ihr 22 Wochen altes winziges Baby soeben auf die Welt gebracht hat, in der es nicht überleben kann und sterben wird? Sind Frauen, die sich für etwas und gegen ein Baby entscheiden Mörderinnen? Oder ist es garnicht so leicht, unsere ach so moralischen Standards dort anzusetzen? Szenen wie die oben sind Grauzonen unserer Gesellschaft. Immer wieder wird versucht einen schwarzen oder weißen Standpunkt zu finden, denn die sind sicher und einfach zu verstehen. Pro Choice oder Pro Leben? Abtreibungs-Befürworterinnen, die kein Wort über die Seelen und das Leben verlieren, die man von sich stößt. Sogenannte Lebensanwältinnen, denen die Frau um das ungeborene Kind keine Silbe mehr Wert ist als eine Gebärmaschine.

http://www.thatsabortion.com/ – eine neue Abtreibungsdebatte ist in den USA entflammt.

Eine Frau filmt ihren medikamentösen Schwangerschaftsabbruch und reflektiert darüber auf Youtube: *klick*

Ein weder pro noch gegen Abtreibungsforum: http://www.nachabtreibung.de/

 

Es ist ein schweres Thema. Eins ohne Fazit, wie ich finde.