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Die Schwangerschaft beenden

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In den letzten Tagen geht mir immer wieder das Thema Schwangerschaftsabbruch durch den Kopf. Auch das wird ein Teil der Ausbildung zur Hebamme sein, in meiner Schule und auch sicher in anderen.

— *blitz* —

Meine liebe Freundin Anna während ihrer Ausbildungszeit. Im Abwaschraum stehend. In ihrem Arm liegt ein Kind, geboren in der 22. Schwangerschaftswoche. Die Mutter wollte es nicht austragen. Irgendeine Trisomie. Aber gestorben ist es noch nicht während der eingeleiteten Geburt. Es lebt, wenn auch kaum. Die Ärzte und Hebammen drücken den kleinen Jungen Anna in die Hände, soll sie sich darum kümmern. Sie schaut sich das kleine Menschlein fassungslos an, er allein gelassen von seiner Mutter, sie allein gelassen von ihren Ausbilderinnen. Irgendwann gibt der Kinderarzt dem Kleinen Schmerzmittel – quasi als kleiner Akt der Menschlichkeit. Das Kind hört irgendwann auf zu atmen. Es wurde viel zu früh aus dem nährenden Bauch der Mutter geworfen und in den Hinterraum zum Sterben einer jungen Frau überlassen.

— *blitz* —

Der Test ist positiv. Meine Freundin Viktoria wusste es vom Moment der Einnistung an. Auch sie wollte Hebamme werden, hat gerade einen Platz an einer Schule bekommen. Sie hat bereits drei Kinder, die Finanzen stehen schlecht, sie will endlich ihren Traum erfüllen. Wie in Trance rennt sie von einem Arzt zum nächsten um die Abtreibungspille Mifegyne zu bekommen. Die Zeit tickt und wenn erstmal ein Herz schlägt bringt sie es nicht mehr über sich, sagte sie. Sie weint und fleht dieses wachsende Leben in ihr an, los zu lassen und wieder zu gehen. Zu warten, bis sie bereit ist wieder eine gute Mutter zu sein. Zellhaufen sagen manche, sie weiß es besser. Nach 1,5 Wochen – wenige Tage das Herz fertig gebaut gewesen wäre und begonnen hätte zu schlagen – bekommt sie eine heftige Blutung. Es gab keine Abtreibung, es war eine Fehlgeburt.

— *blitz* —

Zwei Szenarien, das selbe Tabu. Die Frage darum, welches Kind durch den eigenen Körper (oder den anderer) die Welt betreten dürfen und welche von uns weggeschubst werden. In einem Stadium, wo noch kein anderer Mensch über die Existenz oder Nicht-Existenz dieses Wesens entscheiden kann – bis auf uns. Wir sind die Konfrontation mit dem Tod nicht mehr gewöhnt. Tod ist etwas, was anderen passiert. Wir schlachten nichtmal unsere Hühner selbst, die auf unseren Tellern landen – wir gehen einfach in einen Laden und kaufen sauberes, blutleeres Fleisch. Die Entscheidung, ob wir ein Wesen in das Leben bringen lag schon immer bei uns Frauen. Sie ist keine einfache und deshalb macht sie den Menschen Angst, Frauen – aber auch vor allem Männern.

Die Polarisation unserer heutigen Gemeinschaft macht auch davor keinen Halt. Kann eine Frau eine Schwangerschaft beenden, das Kind töten (lassen) – und es trotzdem lieben? Kann es ihr das Herz zerreißen, wenn sie es gehen lässt? Kann sie Trauer und Erleichterung zugleich empfinden, wenn sie ihr 22 Wochen altes winziges Baby soeben auf die Welt gebracht hat, in der es nicht überleben kann und sterben wird? Sind Frauen, die sich für etwas und gegen ein Baby entscheiden Mörderinnen? Oder ist es garnicht so leicht, unsere ach so moralischen Standards dort anzusetzen? Szenen wie die oben sind Grauzonen unserer Gesellschaft. Immer wieder wird versucht einen schwarzen oder weißen Standpunkt zu finden, denn die sind sicher und einfach zu verstehen. Pro Choice oder Pro Leben? Abtreibungs-Befürworterinnen, die kein Wort über die Seelen und das Leben verlieren, die man von sich stößt. Sogenannte Lebensanwältinnen, denen die Frau um das ungeborene Kind keine Silbe mehr Wert ist als eine Gebärmaschine.

http://www.thatsabortion.com/ – eine neue Abtreibungsdebatte ist in den USA entflammt.

Eine Frau filmt ihren medikamentösen Schwangerschaftsabbruch und reflektiert darüber auf Youtube: *klick*

Ein weder pro noch gegen Abtreibungsforum: http://www.nachabtreibung.de/

 

Es ist ein schweres Thema. Eins ohne Fazit, wie ich finde.