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Vom Pferd gefallen

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Jetzt habe ich schon einen Monat nicht mehr geblogt fällt mir gerade auf. Aber eine regelmäßige Bloggerin war ich ja noch nie.

Meine Abwesenheit mag daran liegen, dass ich in eine Sinnkrise gestolpert bin. Wie immer in Sinnkrisen bröckelt alles zusammen, man verbrennt zur eignenen Asche um dann wie ein Phönix aus ihr wieder geboren zu werden. Ein großer Scherbenhaufen bildet das eigene Herzchen – schmerzhaft und beängstigend – und wunderbar frei für Neues. Es ist viel Leere in mir, die erschreckend und beflügelnd zugleich sein kann. Oder abwechselnd in Abständen von Stunden.

In der Zwischenzeit, bis mein Studium beginnt, probiere ich etwas Neues aus. Dieses Mal ist es Weihnachtsdeko verkaufen. Das ist zum einen auf eine seltsame Weise befriedigend, weil ich meine Kleinmädchenträume vom hinter der Plaste-Kasse stehen befriedige. Die Kasse bingt, ploppt, klackt und schwingt auf. Andererseits ist es ein hartes Metier – meine Füße fühlen sich seit zwei Wochen wie klumpige, schmerzende Etwasse an. Die Stimmung im Team ist eher hart als herzlich und es herrscht ein ruppiges Miteinander. Ständig strömen Reiche oder Möchtegernreiche in die Läden und kaufen billiges Glitzerzeug für teure Preise. Am Ende des Monats wird mit Kreditkarte bezahlt, das normale Konto wird nur noch fürs Essenkaufen angezapft.

Ich denke dieser Tage viel über Konsum nach. Während ich ungelogen Kilo um Kilo leere Kartons die Treppen rauf und runter trage kommt ein Unwille in mir auf, weiter diesen ganzen Affentanz mit zu machen. Weihnachtsbaumkugeln – jedes Jahr neue, weil die roten von letztem Jahr gehen auf keinen Fall mehr. Dieses Jahr muss es silber sein. Ein Symbol dafür, dass man Dinge kauft, die man nicht braucht mit Geld, das man nicht hat. Zu einem Preis, den man unmöglich zahlen sollte. Jeden Tag geht man malochen, arbeitet mehr Stunden als man sollte und verbringt weniger Zeit mit den geliebten Dingen als man möchte – um silberne Dekoelemente zu kaufen. Die trägt man dann in die eigene Höhle, dekoriert die und schon ist der Schmerz über die 50 Stunden Arbeitswoche und die Sehnsucht nach Einfachheit, Geborgenheit und Erfüllung wieder ein bisschen leiser.

Dieser Tage inspirieren mich mal wieder einmal Blogs:

http://www.theminimalistmom.com/ – mit dem Untertitel „a rich life with less stuff“. Gedanken über Konsum und wie man sich davon löst inklusive Tipps – auf angenehme Art.

http://growingflowers.wordpress.com/ – die „wachsenden Blümchen“ – immer wieder. Meine Lieblingshebamme und fortwährende Inspiration was mein Lebensgefühl angeht. Besinnung, Demut, Freude am Leben und Liebe zu den Dingen – und Menschen. Innehalten, hinhören und -schauen. Durchatmen und es einfach durch einen hindurch fließen lassen. Diese Frau war schon mehr als einmal Hebamme für mich und eine geistigen Kinder.

Nun … seit kurz nach meiner Kündigung schleiche ich um die Entscheidung, mich als Doula ausbilden zu lassen, wie eine Katze um einen Teller Frischfleisch.

Zum einen ist da die Begeisterung für das Thema – ungebrochen und noch immer da. Ich kann mir einfach kein Leben ohne die Arbeit mit Frauen in dieser Lebensphase vorstellen. Zum anderen sind da alte Sorgen – zu jung zu sein, noch nicht perfekt im professionellen Umgang mit Menschen und Situationen zu sein, noch zu wenig zu wissen, ohne Auto weniger mobil und damit erreichbar zu sein … Die Liste ist beliebig erweiterbar.

Ganz neu dagegen ist die Überlegung, vielleicht doch nicht mehr beruflich in diese Richtung zu steuern. Wie eine Reitende , die vom Pferd gefallen ist. Pferde sind noch immer faszinierende, großartige Tiere. Und aus der Ferne bewundere ich sie. Ich beneide an mir vorbereitende Menschen und wünschte, ich könnte mich auch wieder trauen. Aber ich bringe es nicht über mich, einem Pferd näher zu kommen. Auch nur daran zu denken, mir auch nur eine Vorstellung von mir im Stall zu machen.

Ich will warten, bis ich wieder bereit bin für Pferde. Und wenn dieser Tag nie kommt? Oder ich ihn verpasse? Oder – weggespült vom Strom der leeren, „arbeitenden Bevölkerung“ – mich einreihe in das Leben für Notwendigkeiten? Schließlich hat meine Familie finanzielle Bedürfnisse. Wie vertretbar ist es, einer inneren Stimme gegen alle Widerstände hinterher zu laufen? Und wie vertretbar ist es, ihr nicht zu folgen?

Das erinnert mich an die Göttin Hekate, die unter Anderem die Göttin der Schweidewege ist. Früher standen wohl immer wieder kleine Altare von ihr neben den Wegen und die Leute haben ihr Blumen, Früchte oder Ähnliches geopfert, wenn sie auf Reise waren. Nun denn … vielleicht nimmt sie ja die Kiste mit den 6 neuen Weingläsern, die mir beim Befüllen der Regale vorgestern runtergefallen sind, als Opfer.

(mein letzter Post ist durch irgendwelche Verwirrungen einfach weg. Hmpf. Aber ich denke, ich hab die Quintessenz wieder reingebracht.)

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Metamorphose?

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Seit dem Beginn meiner Zeit im Kreißsaal beginnt Unsicherheit, sich in mir auszubreiten. So viele Geburtserlebnisse, so viele Geburtsgeschichten. So viele Interventionen. Nach und nach bröckelt meine bis vor kurzem felsenfesten Ansichten was die relative Sicherheit der Geburtshilfe angeht.

Ich stehe täglich neben Frau Schmidt, Frau Müller, Frau Yildrim, Frau Wood – alle gehen schwanger mit einem Kind und der Hoffnung, fast Gewissheit, dass es bald da ist. Frau Schmidt wird am Geburtstermin eingeleitet, Frau Müllers Kind wird per Ultraschall zu schwer geschätzt („makrosom“ nenn man ihr Kind), Frau Yildrim hat einen Termin zum geplanten Kaiserschnitt wegen vorangegangenem Dammriss dritten Grades, Frau Wood atmet sich durch die Endzüge ihrer Geburt und ihr wird ein Wehentropf gelegt.

Jedes mal die Erleichterung, der große Abfall der Anspannung wenn die Kinder aus der Frau sind. Jedes Mal Stirnrunzeln beim Blick auf das CTG – in jedem einzelnen Fall.

Natürlich bleiben meine Überzeugungen kognitiv bestehen. Würde mich jemand darauf ansprechen, würde ich es vermutlich auch nicht zugeben. Aber in mir keimt der Zweifel, ob Geburt an sich ein perfekt abgestimmter Prozess ist. Ob Eingriffe wirklich so gering zu halten sind wie möglich. Ob dieses oder jenes Kind, per Kaiserschnitt geboren, nicht doch besser dran gewesen wäre. Ob es überhaupt eine Rolle spielt ob Frau Schmidt oder Frau Yildrim vor mir liegt. Liegt oder steht.

Wie funktioniert die außerklinische Geburtshilfe überhaupt so gut? Wie ertragen die Hebammen diese Anspannung, wie die Frauen diese Schmerzen. Das sage ich als Frau, die selbst zwei Kinder geboren hat – das ist wahr!

Ich hab nur eine Erklärung für diese seltsamen, vereinnahmenden Zweifel. Ein Teil von mir zerbröselt, löst sich auf, zerfällt zu Asche. Um sich dann wieder neu zu finden. Quasi wie eine Metamorphose. Aus dem blinden Idealismus, der wilden Hoffnung von noch vor einigen Monaten wird langsam – schmerzhaft, dunkel und dem Erreichen des Ziels unsicher – ein tiefes Wissen. Vielleicht wächst daraus nach und nach im Laufe der kommenden Jahre das auf stabiles Fundament gebaute Vertrauen, das mich als Hebamme durch die Geburtsbegleitung trägt. Vielleicht auch mit der Übung das Verlassen auf die eigenen Fähigkeiten. Die Realisierung der eigenen Grenzen. Ein ganz neues Bewusstsein. Ruhe statt Aufregung. Tiefe statt Klammern an die Oberfläche. Spüren der eigenen Grenzen, statt die Hoffnung auf unendliche Fähigkeiten. Es ist vermutlich, wie „Growing Flowers“ in einem Kommentar sagte: Ich lerne das, was ich brauche um die Hebamme zu werden, die ich sein soll.

Die Geburt einer Hebamme – es ist ein mächtiges Gefühl sich selbst auf diese Weise wachsen zu spüren. Trotz aller Zweifel und Schmerzhaftigkeit.