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Metamorphose?

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Seit dem Beginn meiner Zeit im Kreißsaal beginnt Unsicherheit, sich in mir auszubreiten. So viele Geburtserlebnisse, so viele Geburtsgeschichten. So viele Interventionen. Nach und nach bröckelt meine bis vor kurzem felsenfesten Ansichten was die relative Sicherheit der Geburtshilfe angeht.

Ich stehe täglich neben Frau Schmidt, Frau Müller, Frau Yildrim, Frau Wood – alle gehen schwanger mit einem Kind und der Hoffnung, fast Gewissheit, dass es bald da ist. Frau Schmidt wird am Geburtstermin eingeleitet, Frau Müllers Kind wird per Ultraschall zu schwer geschätzt („makrosom“ nenn man ihr Kind), Frau Yildrim hat einen Termin zum geplanten Kaiserschnitt wegen vorangegangenem Dammriss dritten Grades, Frau Wood atmet sich durch die Endzüge ihrer Geburt und ihr wird ein Wehentropf gelegt.

Jedes mal die Erleichterung, der große Abfall der Anspannung wenn die Kinder aus der Frau sind. Jedes Mal Stirnrunzeln beim Blick auf das CTG – in jedem einzelnen Fall.

Natürlich bleiben meine Überzeugungen kognitiv bestehen. Würde mich jemand darauf ansprechen, würde ich es vermutlich auch nicht zugeben. Aber in mir keimt der Zweifel, ob Geburt an sich ein perfekt abgestimmter Prozess ist. Ob Eingriffe wirklich so gering zu halten sind wie möglich. Ob dieses oder jenes Kind, per Kaiserschnitt geboren, nicht doch besser dran gewesen wäre. Ob es überhaupt eine Rolle spielt ob Frau Schmidt oder Frau Yildrim vor mir liegt. Liegt oder steht.

Wie funktioniert die außerklinische Geburtshilfe überhaupt so gut? Wie ertragen die Hebammen diese Anspannung, wie die Frauen diese Schmerzen. Das sage ich als Frau, die selbst zwei Kinder geboren hat – das ist wahr!

Ich hab nur eine Erklärung für diese seltsamen, vereinnahmenden Zweifel. Ein Teil von mir zerbröselt, löst sich auf, zerfällt zu Asche. Um sich dann wieder neu zu finden. Quasi wie eine Metamorphose. Aus dem blinden Idealismus, der wilden Hoffnung von noch vor einigen Monaten wird langsam – schmerzhaft, dunkel und dem Erreichen des Ziels unsicher – ein tiefes Wissen. Vielleicht wächst daraus nach und nach im Laufe der kommenden Jahre das auf stabiles Fundament gebaute Vertrauen, das mich als Hebamme durch die Geburtsbegleitung trägt. Vielleicht auch mit der Übung das Verlassen auf die eigenen Fähigkeiten. Die Realisierung der eigenen Grenzen. Ein ganz neues Bewusstsein. Ruhe statt Aufregung. Tiefe statt Klammern an die Oberfläche. Spüren der eigenen Grenzen, statt die Hoffnung auf unendliche Fähigkeiten. Es ist vermutlich, wie „Growing Flowers“ in einem Kommentar sagte: Ich lerne das, was ich brauche um die Hebamme zu werden, die ich sein soll.

Die Geburt einer Hebamme – es ist ein mächtiges Gefühl sich selbst auf diese Weise wachsen zu spüren. Trotz aller Zweifel und Schmerzhaftigkeit.

Die eigene Erfahrung am Steuer

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Gestern habe ich ein Youtube-Video einer Frau gesehen, deren Blog ich seit einiger Zeit verfolge. Sie hat ihre Tochter, ihr drittes Kind, zuhause allein in der Gebärwanne geboren (interessiert? Schaut mal hier: „Stand and Deliver„).

Während ich ihr zugeschaut hab wie ich sie ihre Geburt bearbeitet und Wehen veratmet, hab ich mich natürlich zurück versetzt in meine Geburten gefühlt. Mal davon abgesehen bleibt es ein fast unbegreifbares Wunder für mich, dass eine Frau ein Kind durch sich selbst aus die Welt bringen kann. Der Akt der Geburt bleibt für mich ein großes Naturereignis, begleitet von Staunen, Erfurcht und Demut.

Worauf ich aber hinaus will: während ich ihr zugeschaut habe, hatte ich das Bedürfnis danach ihr zu helfen. Sie zu retten, etwas was ihr die Arbeit erleichtert oder sie sogar für sie erledigt. Ich  merkte, wie ich während jeder Wehe mitfieberte und nach Anzeichen suchte, dass etwas nicht stimmt.

Das ist eine große Erkenntnis für mich.

Denn das ist vermutlich eine der Wurzeln, warum man als Geburtshelferin Unheil anrichten kann. Der Wunsch einzugreifen, zu helfen, zu erleichtern, abzuwenden. Das Schrillen falscher Alarmglocken und das Missverstehen der Nuancen dieses großen Naturschauspiels. Das fällt ja dem Menschen bekanntlich öfter mal schwer: zu verstehen, dass das eine existieren kann – genauso wie das andere, zeitgleich und gleichwürdig. Trotz Schmerz kann auch Freude, tiefe Berührung, Angst und Mut, Widerwille und Loslassen existieren.

Und dass man nicht das Recht hat, der Frau diese Erfahrungen zu stehlen oder abzuwenden. Es ist eine Gratwanderung zwischen Hilfe anbieten, aber nicht verunsichern und aufdrängen.

Diesen Grat zu begehen, darauf kommt es wohl an.

Die schmerzlose Geburt #2

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Teil #1: *klick*

Viele Birth Activism Stimmen sagen, die Gefühle bei der Geburt sollten umbetitelt werden: Wehen werden Wellen, sie tun nicht mehr weh sondern sind intensiv, der Durchtritt des kindlichen Köpfchens ist der Höhepunkt. Die Umbenennung deshalb, weil Worte Realität erzeugen und daraus Gefühle entstehen: Ängste oder Mut. Auch den Gedanken find ich durchaus nachvollziehbar und könnte ihn fast abnicken.

Aber: was ist mit den Frauen, die Schmerzen haben? Für die sich die Geburt nicht nur intensiv, sondern auch schmerzhaft anfühlt? Haben die verloren, den Zug verpasst, nicht genügend Bücher gelesen oder zu wenig Geld in Atemkurse investiert? Laufen vielleicht deren Geburten komplett gegen die von der Evolution eigentlich hervorgebrachte Art, wie ein Kind auf die Welt kommt: intensiv, aber schmerzlos? Diese Frauen fallen vom Zug des Fanatismus, werden allein gelassen in ihrem Empfindungen – mit dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben oder nicht genug –  mal wieder ein Versagensgefühl. Ist es nicht genau das, wofür sich die Gegenbewegung so stark macht? Natürliche Vorgänge, liebevoll begleitet und mit dem Staunen über die eigene Kraft bestreuselt?

Was ist eigentlich dieser vielbesprochene Schmerz während der Wehen? Aus der Sicht der körperlichen Physiologie beschreibt beispielsweise die italienische Hebamme Verena Schmid die ganze Angelegenheit in ihrem Buch „der Geburtsschmerz – Bedeutung und natürliche Methoden der Schmerzlinderung“ (Hippokrates-Verlag).

Und die emotionale Komponente? Was macht der Schmerz mit uns? Das ist eine der Fragen, die geflutet werden von Antworten aus meinem eigenen Erfahrungsschatz.Der Schmerz kann einen entmächtigen, er kann einen untergehen lassen, uns zeigen wie nichtig und unwichtig wir sind. Über unseren Geist, unsere Wünsche und Ideale hinweg greift er nach unseren Körpern und reduziert uns auf das Tier, das wir sind.

Klingt ganz schön negativ? Und wenn man es so herum betrachtet: er macht uns demütig. Wir sind Tierfrauenm, die ihr Junges auf die Welt bringen – wie Millionen anderer Tierfrauen vor uns. Ein Instrument des Lebens, zwingt es uns, die Dinge los zu lassen, die uns ängstigen oder begrenzen. Es zwingt uns, uns in den Rythmus zu fügen, der schon immer existiert hat.

Wer nicht loslassen kann, dem werden die Finger gebrochen – das Gefühl der Gewalt, der Entmächtigung bleibt. Wer selbst loslässt wird davon getragen und spürt, welche Stärke daraus entsteht. Sich dem Leben hingeben, nicht alles planen müssen, in sich selbst die Kräfte und Werkzeuge finden, die man braucht um durch das Leben zu gehen. Plötzlich muss man keine Koffer voller Wissen mehr mit sich herumtragen, man trägt alles was man braucht in sich. Dieses Wissen ist enorm wertvoll – es macht einen mutig, es bringt Vertrauen in sich selbst und dass das Leben seinen Weg geht.

Es hilft einem, sich im Leben mit dem neuen kleinen Wesen zurecht zu finden, dass man soeben in die Welt gebracht hat. Mit dessen Rythmen zu gehen und das Wissen, dass die Dinge einfach manchmal nur passieren müssen – ohne dass man eingreift.

Als Fazit lässt sich sagen: der Geburtsschmerz ist nicht sinnlos. Es tut ihm Unrecht, ihn wegdiskutieren zu wollen – er hat eine große Aufgabe. Jede Frau ist anders, jede Geburt auch – jede braucht einen anderen Grad an Schmerzhaftigkeit, um nach innen zu finden oder auch Mauern in sich selbst einzureißen. Der Schmerz darf da sein – wie eine Frau ihm begegnet ist die Frage. Und die darf und sollte sich jede Frau und Hebamme weiterhin stellen.

Die schmerzlose Geburt #1

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Im Laufe der letzten 30 Jahre, parallel zu den Hippy-Bewegungen, hat sich eine Geburtskultur entwickelt, die sich der Geburtsmedizin entgegen gestellt hat. Back to the roots:  unter einem ausladenden Sommerbaum die Hüfte kreisend, tiefe Tierlaute von sich gebend gebärten die Frauen plötzlich ihre Babys, die sie danach liebevoll auf die Brust nahmen, um sie danach von selbst zur Brust finden zu lassen. Wir haben dieser Bewegung viel zu verdanken – sie ist es, die mächtige Kräfte aufgebracht hat und noch heute die Grundfesten der Geburtsmedizin erschüttert, sodass endlich wirkliche Fakten über die Geburt auf den Tisch kommen, nach denen gearbeitet wird (Evidenz basierte Medizin) und die Frauen und Kinder tendenziell eher die Betreuung und Begleitung bekommen, die sie verdienen und benötigen.

Aber natürlich gibt es in jeder Bewegung extreme Ausläufer. Ein entsprechendes Phänomen wäre die Behauptung, dass die Geburt eigentlich ein schmerzfreier Vorgang wäre – würde die Frau nicht so zugeschüttet mit Ängsten, Interventionen und unpassenden Geburtsatmosphären. Um Missverständnissen vorzubeugen: ich spreche niemandem eine schmerzfreie oder -arme Geburt ab. Es gibt solche Geburtserfahrungen – daran zweifle ich nicht im Geringsten.

Als eine der Trägerinnen dieses Glaubens seien zu nennen Marie F. Mongan, die eine Methode namens Hypnobirthing erdacht hat. Ihre Methode umfasst eingehende Aufklärung zu den Vorgängen während der Geburt, die Ermutigung sich passende Geburtsbegleiterinnen* zu suchen, Entspannungsmaßnahmen, Atmungsübungen und diverse Elemente der Hypnose und Selbsthypnose. Mongan bietet indirekt Hyponobirthing-Kurse durch zertifizierte Hypnobirthing-Kursleiterinnen an, sowie ein Buch (wobei empfohlen wird, beides zu kaufen …).

Klingt nicht verkehrt, oder? Informationen über die Abläufe, die Frauen anregen selbstinformierte und -bestimmte Entscheidungen zu treffen und ihnen „Handfestes“ zu geben, mit dem sie sich durch die Wehen arbeiten können. Dazu kommt allerdings noch der penetrante Ton und die propagandaartige Anpreisung der Möglichkeit, schmerzfrei zu gebären. Man muss sich nur frei von Ängsten machen, eine geborgene Atmosphäre haben und natürlich sowohl das Buch, als auch die Kurse durchgearbeitet haben. Bei Youtube kann man sich dann an regnerischen Sonntagen davon überzeugen, dass es möglich ist. Frauen gebären fast geräuschlos und geistig an einem scheinbar besseren Ort ihre Kinder: Hier oder hier.

Wenn das mal nicht eine Karotte vor der Nase ist. Denn das Problem ist: so viele Stimmen fanatisch an der Möglichkeit festhalten, Geburt könne und müsse eigentlich schmerzfrei oder mindestens wie ein straffer Spaziergang an einem Frühlingstag sein – so viele Stimmen enttäuschter Hypnobirthing-Hoffenden gibt es zu hören. Manche sind wütend, manche sind traurig. Aber die meisten klingen doch ziemlich enttäuscht – hatte man Ihnen doch den heiligen Gral versprochen, die schmerzlose Geburt. Der Traum aller Frauen seit Anbeginn der Zeit.

Oder nicht? (… weiter geht’s im zweiten Teil )

* Männer sind mitgemeint.