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Die stille Botschaft

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Die großen Aussagen, die wir während der Begleitung von Frauen während ihrer Geburt machen wollen ist: du bist sicher, du bist umsorgt, du bist respektiert – ganz egal, wie die Begleitumstände aussagen. Viele Künste machen die Geburtsbegleitung aus, diese Aussagen einer gebärenden Frau zu vermitteln ist eine davon. Und ein großer Teilaspekt davon ist die Körpersprache und wie wir uns der Frau gegenüber nähern – eine stille Botschaft an sie in einer Situation, wo die Atmosphäre einer der wichtigsten Geburtshelferinnen ist.

Dabei ist es wichtig, dass man sich zu jeder Zeit bewusst ist, dass man zu dieser Zeit an diesem Ort anwesend ist nur aus dem einen Zweck: dieser Frau zur Verfügung zu stehen und ihr zu dienen, sodass sie ihr Kind auf diese Welt bringen kann. Und zwar ausschließlich so, wie es die Frau braucht. Man bietet sich und die eigenen Ressourcen jemandem dar. Es ist eine demütige Arbeit, die man tut.

Meine Körpersprache soll das spiegeln. Ich will mein Körperlevel unter dem der Frau halten, mich im Raum positionieren in einer Form, die meine Bereitschaft aktiv zu werden zeigt und zwar genau dann, wenn sie es möchte und bis dahin zurückhaltendes Abwarten bedeuten. Ich kann ihr Augenkontakt bieten, ein sicheres Lächeln ohne Mitleid aber mit Mitgefühl.

Um meine Körpersprache zu beherrschen ist es wichtig, sich der eigenen Stimmung bewusst zu werden, bevor man zu einer Frau kommt. Dazu kann sich jede andere Werkzeuge suchen. Ich mag es aber, kurz vorher einmal tief durchzuatmen und mit meinem Ausatmen mein Ego und Stimmung gehen zu lassen und leer und offen zu werden.

Auch die Beobachtung der eigenen Körpersprache kann hilfreich sein. Wann reagiere ich wie, wie fühle ich mich, wenn ich mich bewusst anders positioniere? Wie geht es mir, wenn andere Leute eine gewisse Haltung einnehmen? Versuch macht kluch.

Das ist übrigens ein Grund, weshalb ich nicht daran glaube, dass man Geburtsbegleitung hauptberuflich und auf Dauer machen kann/sollte. Es ist einfach sehr anstrengend und emotional absolut fordernd. Ich bin mir im Übrigen im Klaren darüber, dass das im Alltag nicht immer so zu handhaben ist. Aber hey: shoot for the stars!

Merkt man, dass ich wieder mal eine spirituelle Phase habe? ;)

„Weil ich ein starkes Mädchen bin, Schatz…“

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In den letzten Monaten ist mir viel über das Geburts(hilfe)system in Deutschland bewusst geworden, was mir vorher nicht so klar gewesen ist. Diesmal drehen sich meine Gedanken um übergewichtige Schwangere und deren Begleitung durch ihre aufregende Zeit der Mutterwerdung. Wie damals schon geschrieben, gehöre ich selbst zu den Frauen, die in der Plus Size Ecke einkaufen gehen. Und das nicht erst seit Kurzem, sondern seit meiner Kindheit und natürlich auch durch meine Schwangerschaften hindurch.

Während meiner Praxiseinsätze habe fest gestellt, wie verbohrt medizinisches Personal auf das Thema Übergewicht reagiert. Wenn man glaubt, die Behandlung von Schwangeren und Gebärenden wäre in unserer Kultur an der Pathologie orientiert, dem kann man noch einmal ein Klimax zeigen bei der Betreuung von übergewichtigen Schwangeren.

Dazu muss ich sagen, dass ich selbst davon wenig (wenn auch nicht garnichts) mitbekommen habe. Das mag daran liegen, dass ich mir bewusst ausschließlich Hebammenhilfe gesucht habe, die sehr auf die Physiologie bedacht war. Mir hat nie jemand gesagt, ich könne keine spontane Geburt haben, sie wäre schwieriger für mich oder ich würde meine Kinder durch mein Übergewicht gefährden.Meine Schwangerschaften waren problemlos, meine Geburten schnell und vergleichsweise leicht, meine Kinder gesund.

Nun ist nicht zu bestreiten, dass adipöse Schwangere statistisch gesehen diverse erhöhte Risiken haben an schwangerschaftsbedingten Komplikationen zu leiden.

Aber ich glaube nicht, dass das der springende Punkt ist. Es ist viel mehr die Angst der Menschen vor dem Übergewicht, vor der Identifikation mit dem Thema und mit allen, die es sind. Das geht manchmal bis zu einer unterbewussten Angst davor, sich mit „dieser Krankheit“ anzustecken. Auf einmal, wenn man der Thematik Übergewicht Raum gibt und sich damit ehrlich beschäftigt, selbst diese Willensschwäche und Maßlosigkeit in sich zu spüren, die man übergewichtigen Menschen andichtet. Ähnlich wie wenn jemand von Läusen spricht und alle fangen sich an zu kratzen.Das Thema Übergewicht ist in unserer Gesellschaft von offen geäußerten Vorurteilen behaftet, wie man es selten mehr über andere „Randgruppen“ antrifft.

Dementsprechend werden bei Frauen mit Adipositas häufiger Kaiserschnitte gemacht, obwohl diese nicht nötig sind. Auch eine PDA wird häufiger angeboten (und damit die Interventionsrate noch einmal drastisch erhöht). Man traut „den Dicken“ nichts zu und das Fatale ist, dass sie es sich selbst auch oft nicht zutrauen.

Es gibt Problematiken, die teufelskreismäßig ineinander greifen, die zum Übergewicht führen: Menschen haben einen schwerwiegenderen, oft unbewussten, Grund dick zu sein und ihrem Körper und ihrer Seele die damit verbundenen Schmerzen und Unannehmlichkeiten zu bereiten, als es nicht zu tun. Wenn sich die Seele gezwungen sieht, sich emotional durch einen physischen „Panzer“ zu schützen, dann muss das ein starker Grund sein. Warum sonst würde jemand sonst so selbstzerstörerisch handeln?

Wenn ich auch in die Problematik rund um Adipositas nicht tiefer in diesem Blog eintauchen mag, so wird doch durch die Kurzbeschreibung eins klar: die Schwangerschaft und Geburt können ein echter Wendepunkt für Frauen sein. Sie könnten beginnen, ihren Körper (den sie oft dem Geist unterordnen in seiner Wichtigkeit) wert zu schätzen und sich selbst mit Staunen, Wunder und Stolz betrachten. Die Leistung, ein Kind in sich wachsen zu lassen, ihm Platz zu geben und es zu nähren und schließlich im Kraftakt der Geburt in diese Welt zu bringen macht zu Recht stolz wie eine Löwin. Es gibt Selbstvertrauen und kann eine Versöhnung mit sich selbst beinhalten.

Insofern hat die gute Betreuung von Schwangeren mit Adipositas einen extremen Präventionswert. Ich spreche nicht nur von sinkenden Krankenkassenkosten, die mir aktuell eher herzlich egal sind (wenn ich die unnötig bezahlten Kaiserschnitte so sehe). Eher meine ich damit glücklichere Menschen, die auch Eltern sind und damit glücklichere Kinder, die dann eine Chance haben, von ihren Eltern diese gewonnen, und dann gelebten Werte zu übernehmen.

Das stille Grauen, dass Pflegepersonal und Ärzte gleichermaßen überkommt bei der Betreuung adipöser Schwangerer ist ungerecht und schließt die Augen vor den Möglichkeiten, die sich ihnen bieten (wie so oft). Eingängig blieb mir folgende Szene in Erinnerung:

Hebamme A unterhält sich mit Hebamme B über übergewichtige Schwangere, die in dieser Klinik ihr Kind bekommen wollen. Die Gewichtsgrenze ist aktuell bei 130kg, weil der OP-Tisch (sollte etwas passieren) angeblich nicht mehr aushält. Hebamme A plädiert dafür, den Grenzwert noch weiter zu senken. Sie fände die Betreuung adipöser Frauen generell abstoßend, beobachtet die Frauen nur so viel sie muss. Sie ekelt sich vor vaginalen Untersuchungen, wo, wenn die Frauen die Beine aufstellen und sie spreizen sollen, immernoch kein freier Zugang zur Vulva zu finden ist, da das ganze Beinfett dazwischen hinge. Außerdem möge sie diese Frauen nicht in Wannen gebären lassen, frei gewählte Geburtspositionen sind auch nicht gern gesehen. Man könne ja „im Notfall“ die Schwangere nicht irgendwohin hiefen. Das schaffe man als so zierliche Person ja garnicht. Hebamme B nickt zustimmend und erklärt, dass sie hofft, während ihrer Schwangerschaften irgendwann einmal nicht auch so dick zu werden.

Mir fällt bei diesem Gesprächsklumpen mit Bedauern eine Frau ein, die ohne Weiteres meiner Meinung nach hätte gebären können. Eine wunderschöne, jedoch auch sehr übergewichtige Schwangere, die mit Zuspruch und entsprechender Begleitung sich keinen primär geplanten Kaiserschnitt hätte aufschwatzen lassen. Als ihr Mann ihr für die OP Antithrombosestrümpfe anzog und dabei schwitze und keuchte, weil es eine Menge arbeit ist diese hoch zu zuppeln, fragte er, wieso diese blöden Strümpfe so einschnüren. Daraufhin erklärte ihm seine Frau: „Weil ich ein starkes Mädchen bin, Schatz…“. Ihr dabei sehr trauriges Lächeln hat mich tief berührt.

Schade, dass das Potential in der Betreuung gerade dieser Frauen so wenig beachtet wird. Für mich ein Beweis dafür, dass es eben doch nicht um Prävention und das Wohlergehen aller geht, sondern vor allem um das eigene Ego und die inneren Ängste jedes einzelnen, denen sie zu entkommen versuchen.

Zu guter letzt noch zwei Blogs zum Thema:

Wellrounded Mama (engl.) – Eine Blog, auch wenn es aktuell nicht mehr geführt wird, doch einige sehr entwaffnende Posts über allgemein bekannte Fehlannahmen über adipöse Schwangere und Gebärende enthält.

Plus Size Birth (engl.) – Auch ein Blog einer Frau, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrung gern anderen übergewichtigen Schwangeren Mut machen möchte und eine Plattform bieten möchte, um das Thema von Ängten und Schweigen zu befreien.

A Fat Rand (engl. – Youtube) – Zu guter letzt mein Lieblingsvideo, das „Entspann dich mal“ und „Übergewicht“ kombiniert.

Vom verlorenen Handwerk

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Bisher habe ich jeden Dienst meines Kreißsaaleinsatzes dazu genutzt, die Bäuche der Schwangeren mittels Leopold-Handgriffen abzutasten. Erstens, um den Kontakt zu den Frauen aufzunehmen, ihnen näher zu kommen und das über eine offenbar professionelle Handlung und damit auch Teilnehmen an ihrer persönlichen Geschichte. Aber zum zweiten und damit vor allem auch um eine Vorstellung von der Lage der Kinder im Bauch zu bekommen.

Soweit so gut – die Leopold-Handgriffe wurden in der Hebammenschule unterrichtet, wir haben sie grob geübt und wurden aufgefordert, sie ruhig an jeder sich anbietenden Schwangeren zu üben. Da sie in den meißten Fällen schmerzfrei sind und oft sogar angenehm also bedenkenlos anzuwenden.

Wo ist die Gebärmutteroberkante? Was ist darin zu fühlen? Wo fühle ich den Rücken des Kindes und wo vermute ich die sogenannten „kleinen Teile“ – Ärmchen und Beinchen – als unebenere Fläche? Wie tief steht der Kopf des Babies im Becken und ist er fest im Becken oder lässt er sich noch hin- und herwackeln? Diese Fragen werden mittels der Leopold-Handgriffe im Idealfall direkt beantwortet. Eigentlich könnten sie uns aber noch viel mehr verraten (und damit eventuell Rückschlüsse auf die kommende/laufende Geburt ziehen):

Ist der Rücken seitlich nach vorn (anterior) oder seitlich nach hinten (posterior) gelegen? Wie ist das Bindegewebe der Frau? Wie ist der Muskeltonus der Gebärmutter? Wie angespannt die Bauchdecke? Reagiert ihr Kind auf mich? Ist es aktiv, eher zurückhaltend, ertragend oder wehrt es sich gegen Berührung von außen (durch mich)?

Das alles sind Antworten auf Fragen, die leider garnicht gestellt werden. In der Praxis wird im Kreißsaal von Hebammen oder Ärzten kein einziges Mal ein Leopold-Handgriff angewendet. Weder bei den Kontroll-CTGs, die so oft geschrieben werden, noch während der Geburtsphasen. Bisher hatte ich leider auch noch keine Gelegenheit (und nicht den Mut zu fragen) während einer Geburt nach dem Kind zu tasten – auch, weil die Frau für mich als ungeübte Tasterin liegen müsste, und ich sie nicht aktiv zum Liegen auffordern möchte nur um nachzutasten.

Was aber könnte ein häufigeres (und kontinuierliches) Tasten für Vorteile in der Geburtshilfe (und Schwangerenvorsorge) bringen? Man könnte Lagen und Haltungen des Kindes erkennen, die später eventuell(!) zu Komplikationen führen könnten, und der Mutter gezielt andere Positionen vorschlagen. Man könnte bereits während der Schwangerschaft darauf Einfluss nehmen, wie sich ein Kind in das Becken einstellt, in dem man der Frau bestimmte Übungen zeigt, die die Muskeln kräftigen und damit eine andere Haltung und Lage der Gebärmutter (und damit des Kindes) begünstigen. Man könnte unzählige vaginale Untersuchungen vermeiden und trotzdem den Geburtsfortschritt verfolgen.

Versteht mich nicht falsch – ich bin nicht dafür, alle Babies in eine Lage zu normen. Aber das handwerkliche Geschick der Hebamme, nämlich unter anderem das Tasten nach dem Kind im Bauch dessen Mutter, stirbt aus. Eine angenehmere, erfolgreichere und interventionsärmere Geburtshilfe siecht dahin. Sei es drum – ich kann nicht die ganze Welt retten.

Was mich als Hebammenschülerin aber ärgert ist mein Alleingang. Ich taste Befunde und will sie besprechen. Ich will, dass jemand nachtastet um meine Erfahrungen zu bestätigen oder meine Versuche zu lenken. Ich will meine Beobachtungen in Relation setzen und mögliche Folgen, Vorschläge an die Mutter und Überlegungen teilen oder erklärt bekommen. „Die Gebärmutter dieser Frau hat einen extremen „Ausfall“ nach rechts, was sagt mir das? Was für geburtshilfliche Relevanz hat das?“ „Das Köpfchen des Kindes dieser Frau ist fest und unabschiebbar im Becken, die Oberkante der Gebärmutter geht aber noch bis fast über den Rippenbogen hinaus. Ist es ein langes Kind?“ … Auch die Schätzwerte eines Kindes anhand der manuellen Tastung über den Bauch, ein manchmal hilfreiches Wissen – all diese Dinge lerne ich nicht. Niemand im Kreißsaal weiß Antworten auf meine Fragen und ich lerne schnell, sie nicht mehr zu stellen. Ich muss mich selbst hinsetzen und meine Beobachtungen in ein Heft eintragen in der Hoffnung, dass ich die Frau bei der Geburt wieder sehe und somit meine Befunde in Relation zum Geburtsgeschehen setzen kann. Quasi das Rad nocheinmal neu erfinden – weil ich in der Ausbildung zur Hebamme nicht alle Dinge lerne, die eine Hebamme können sollte (meiner Ansicht nach). Ich habe die grobe Vermutung, dass sich das nicht nur auf die manuelle Diagnostik beziehen wird.

Interessant dagegen finde ich, dass dergleichen in aktuellen geburtshilflichen Lehrbüchern kaum bis garnicht erwähnt wird. Die Zusammenhängezwischen Haltung der Mutter, Vorlieben in ihrer Haltung, die Haltungen der Kinder, Gewebetypen und Geburtsgeschehnisse – diese Sachen findet man in alten Lehrbüchern durchaus noch. Zum Beispiel in einem staubigen Exemplar des Klassikers „Lehrbuch der Geburtshilfe“ von Stoeckel aus den 1940er Jahren. Ein Schatz an Erfahrungen, die heute kaum noch Relevanz finden weil es Ultraschall gibt, die Schwangeren/Gebärenden an vaginalen Untersuchungen en masse nicht mehr sterben und es zur Not ja Kaiserschnitt und Vakuumextraktion (Saugglockeneinsatz) gibt.

Bleibt mir wohl nur, irgendwann die „weisen Frauen“ der Geburtshilfe zu suchen, die all das nicht vergessen haben. Und das Selbststudium.

Hebammenkunst heißt Gleichgewicht

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Nach meinem Dienst heute konnte ich einfach noch nicht nach Hause gehen. Obwohl ich schon viel zu lange auf Arbeit war und mich sehr nach meiner Familie gesehnt hab. Die vergangene Geburt saß mir sehr im Nacken, die kurz vor meinem Dienstschluss ein Ende gefunden hat. Ich versuche das in meinem Kopf zusammenzubasteln.

Eine Frau, die ich ca. 5 Stunden intensivst mitbetreut habe, hat eine wunderschöne Geburt hingelegt. Da konnte auch der störende Zugang in ihrem Arm keinen Abbruch tun. Sie hatte ein großes Nähebedürfnis und war so sehr offen für ermunternde Worte, dass es fast greifbar war. Eigentlich wollte sie eine natürliche Geburt. In den Anfangszügen der Geburt wollte sie dann eine PDA haben, die sie dann durch gemeinsames Atmen, massieren, Wärme, vorgeschlagene Bewegungen nicht mehr gebraucht hat. Tapfer hat sie sich durch jede Wehe gearbeitet. Musik, Gespräche, Massage, Streicheln, Stirn kalt abwischen, Becken schütteln – wir haben die Zeit zusammen gut rum gebracht. Nur das CTG entlockte der Hebamme immer mal ein Stirnrunzeln – mir weniger, weil ich das noch schlecht einschätzen kann. Ich tendiere eher dazu, suspekte Verläufe zu bagatellisieren. Mir zu denken „nun lasst doch die Frau in Ruhe, dann wird das auch schon wieder“ oder „sie braucht keine Infusion, sie trinkt jetzt einfach mal einen halben Liter“.

Die Geburt war ein Traum, die Frau sehr kraftvoll auch wenn sie mit Mühe und Not an den Interventionen vorbeigeschrabbt ist. Aber leider kam das Kind blitzeblau aus ihrem Bauch mit einem Schwall dunkelgrünen Fruchtwassers. Es atmete nicht gleich, wurde sofort abgenabelt und weggebracht zur REA-Einheit. Wie war das neulich, als Rixa von „Stand and Deliver“ ihre Tochter zuhause allein auf die Welt brachte und die nicht gleich atmete? (und ihr Video dazu (YouTube).Es hat mir das Herz gebrochen die Frau aus ihrem Freudentaumel gerissen zu sehen. Sie hat ihr Kind nur kurz gesehen, bevor es per Krankenwagen auf eine Kinderintensivstation verlegt wurde.

Ich habe das Bedürfnis, all diese Sachen zu verstehen und in den richtigen Kontext zu setzen. Langsam wird mir aktiv bewusst, dass auch das die Arbeit einer Hebamme ist – das Abwägen, wann eine Intervention unumgänglich ist und sie dann trotz Bedauern und nicht mit blindem „das wird schon werden“ schnell und ohne Aufhebens durch zu bringen. Nicht nur – wie es mein Ansatz ist – so wenig Interventionen rein zu bringen, wie möglich. Beides im Gleichgewicht.

Und dementsprechend ist es gut, dass ich das jetzt erlebe. Das gibt mir die Ehrfurcht und Demut vor dieser Arbeit zurück, nimmt mir ein bisschen die Bitterkeit über die ständig schlimmen Geburtserlebnisse der Frauen. Denn nach drei Jahren Ausbildung, 10 Jahren Erfahrung (oder einem Medizinstudium) ist man noch immer nicht Zwerg Allwissend und es tragen Hebammen und Ärzte noch immer die Last des Abwägens auf den eigenen Schultern. Immer, zu jedem Zeitpunkt. So wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Ganz unabhängig davon ist es eins der schönsten Komplimente überhaupt, wenn eine Frau sagt „Durch dich an meiner Seite gab es keine Sekunde der Angst während meiner Geburt.“. Und meine erste Schachtel „Merci“, sorgfältig verpackt und mit Dankeskarte lag heute auch im Dienstzimmer.

Überwältigung.

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Nächstes Buch: The Doula Book (engl.).

Zuerst einmal die Antwort auf die Frage „Was ist denn eine Doula?“. Eine Doula ist im üblichen Sinn eine Geburtsbegleiterin, die die rein menschlich-psychologische Betreuung übernimmt. Im amerikanischen Raum ist es üblich, dass die Hebammen vor allem das Medizinische übernehmen. Man engagiert dann oft noch eine Doula, die während der Geburt für alles Nicht-Medizinische zuständig ist: von Massagen über Ermutigungen bis hin zum Essen machen oder Kinder bespielen. Es gibt auch sogenannte Postpartum-Doulas, die dann die Wochenbettbetüddelung übernehmen – wie z.B. von Haushaltshilfen nach der Geburt bekannt.

The Doula Book Cover

The Doula Book

Das Buch „The Doula Book“  hält einiges an Wissen bereit und ist vor allem die Frauen geschrieben, die sich für Doula-Begleitung interessieren. Aber auch für Geburtshelferinnen und -begleiterinnen enthält das Buch Informatives.

Eine für mich sehr wichtige Erkenntnis hält dabei das Kapitel über „The Dublin Experience“ bereit. Darin geht es um eine Geburtsklinik in Dublin (Irland), die eine Standardversorgung durch unter Anderem Doulas anbieten. Kommt eine Schwangere mit Geburtsbeginn in die Klinik, wird ihr eine persönliche Geburtsbegleiterin zugeteilt. Dabei handelt es sich also nicht nur um eine medizinische 1-zu-1 Betreuung wie es im außerklinischen Bereich in Deutschland oft der Fall ist. Vielmehr sind die dort eingesetzten Doulas Laiinnen (was für ein Wort!), die nur eine sehr kurze Ausbildungsphase durchlaufen (Wochenendkurse). Ihnen werden die Grundlagen der Geburtsphysiologie beigebracht, Möglichkeiten zur Schmerzlinderung bei der Geburt (Massage, Aromatherapie, Atmen usw.) erklärt und Psychologie- und Kommunikationskenntnisse vermittelt.

Durch diese kontinuierliche Begleitung ab der Ankunft in der Klinik bis zum Ende der Geburt, ohne Pause, werden sehr gute statistische Ergebnisse erziehlt – aber auch die Zufriedenheit der Frauen sei wohl überdurchschnittlich hoch. Die Rate der Interventionen sei auch wesentlich geringer als des Landesdurchschnitt der westlichen Industrieländer verlauten lassen.

Noch ein weiterer, interessanter Aspekt ist die Feststellung des Geburtsstarts („Diagnose Of Labor“). Zur Diagnose dessen werden folgende Parameter herangezogen: kräftige, regelmäßige Wehentätigkeit im 8-10 Minuten Intervall, mindestens 30 bis 45 Sekunden jeweils. Der Muttermund muss eine Öffnung vorweisen und die Portio verstrichen sein und blutiger Schleim oder eine Blutung ist erkennbar. Erst, wenn dieser Geburtsstart festgestellt wurde, wird die Versicherung an die Frauen gegeben, dass sie innerhalb der nächsten maximal 12 Stunden gebären werden (wobei die meisten Frauen noch weit unter dieser Zeit bleiben). Diese Versicherung an die Frauen soll wohl helfen, sie zu motivieren und damit auch die Geburt angenehmer zu gestalten. Im Zweifelsfall wird meist kein Oxytocin-Tropf angehängt, sondern die Fruchtblase eröffnet. Dieses Vorgehen find ich einerseits interessant – bedenk es aber auch mit einem Stirnrunzeln. Darüber muss ich noch nachdenken.

Das Fazit dieses Buches für mich ist die Erkenntnis, wie nötig viele Frauen eine ununterbrochene Begleitung haben können (!). Wie hilfreich es sein kann, durch menschliche Wärme und die wirkliche Anwesenheit und Teilnahme einer zugewandten Frau – sei sie auch medizinischer / psychologischer Laie – die Geburt begünstigen können. Sowohl die psychischen als auch damit einhergehend körperlichen Vorgänge.

In der Ausbildung als Hebamme wird dieses Vorgehen leider utopisch bleiben – aber in der außerklinischen Geburtshilfe ist soetwas sicher oft noch leistbar.

Grüßend, Oona