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Meilenstein #1

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Mein Einsatz im Kreißsaal ist zuende und der nächste Theorieblock hat begonnen. Rückblickend habe ich in diesem Einsatz wirklich viel gelernt.

Viel über Geburtsmedizin – wann wird eingeleitet, was sind Kaiserschnittindikationen, was sind häufige Abläufe, wo können Probleme entstehen, Medikamente …

Ein wenig über Geburtshilfe und -begleitung – wie wandeln sich gebärende Frauen in den unterschiedlichen Geburtsstadien. Die Gestik und Mimik, die Wortwahl, die Gesichtszüge, Bewegungen, Atem und Umgang mit den Wehen. Wie Frauen über sich hinaus wachsen, wie Frauen vor ihrer eigenen Kraft zurück schrecken. Wie manche Kinder den Großteil der Geburt allein zu machen scheinen, andere widerum kaum mithelfen. Kinder, die in Gesichtslage geboren werden, Frauen die ihre Vergangenheit überwinden und hinter sich lassen. Große und kleine Wunder.

Und sehr viel über mich.

Wie ich im Umgang mit den Frauen bin, was mir daran gefällt und woran ich arbeiten möchte. Was mir wichtig ist und worauf ich mich noch mehr konzentrieren sollte. Wo meine Ideale unangebracht sind und an welcher Stelle ich mich daran festklammern sollte. Über die Spiegelung meiner eigenen Erfahrungen und wie man diese nicht übermächtig werden lassen sollte. Über eigene Gefühlsregungen, Sympathien und Abneigungen und die Erschöpfung durch intensivste Geburtsbegleitung.

Alles in allem bin ich sehr dankbar für diese Ausbildung soweit. Auch, wenn mir die Situationen immer mal schwer fallen und die Geburtsmedizin alles anderem als meinen Wünschen für die Frauen und Kinder dieser Welt entsprechen – alles ist, wie es sein soll. Mein Weg fühlt sich richtig an.

In diesem Theorieblock lernen wir etwas, was ich seit Tagen mit gemischten Gefühlen beobachte: die vaginale Untersuchung und die dazu gehörenden Befunde. Einerseits ist das einer der Meilensteine auf dem Weg zum Examen: Vaginale Untersuchungen, „Dammschütze“, Plazentageburt und schließlich komplette Geburtsleitung. Und es ist ein weiterer Schritt in das, was die Leute oft als das empfinden, was Hebammen (und Gynäkologinnen) ihnen vorraus haben: den Zugriff auf das geheime weibliche Zentrum. Als hätte man Zutritt zu einer sehr gut geschützten, geheimen Tür. Und damit einhergehend die Annahme, man wäre auch sensibel und sanft genug, diesen Raum zu betreten – so wie sich das gehört, für das Allerheiligste.

Andererseits eben genau das: Eintritt in die Tiefen der Frau, der assoziierte Ort der Weiblichkeit und vor allem auch Verletzbarkeit einer jeden Frau. Und damit mächtige Verantwortung.

Für mich ist es eins bei der Geburt einer Frau dabei zu sein, sie zu massieren und nackt in einer ihrer schwersten, stärksten und schwächsten Momente zu erleben. Das ist intim. Aber noch etwas ganz anderes, direkt in sich vorzudringen immer im Bewusstsein um ihre Verletzbarkeit. Das ist über alle Maßen intim. Und ich bin jetzt – vor der Praxis – unsicher, wie ich damit umgehen können werde.

Ich kann mir sicher sein, dass meine vaginale Untersuchung um Befunde zu erheben anders ausfallen würde und wird als die mancher Hebammenkolleginnen. Nun auch an dieser manchmal entwürdigenden Praxis Teil zu nehmen füllt mich mit etwas gemischten Gefühlen.

In einer kleinen Gruppe haben wir heute verschiedenste Möglichkeiten bekommen, sowohl die Befunde zu erheben als auch die Rolle der Tastenden zu üben. Es waren verschiedenste Vulva-Würfel aufgebaut, hinter deren Gummioberfläche sich unterschiedlich weit geöffnete Muttermünder und verstrichende Gebärmutterhälse befanden, die wir ertasten und einordnen sollten. Ein Holzkasten mit Lochscheiben sollte uns ein Gefühl für die verschiedenen Weiten geben – von 1cm bis 10cm war alles dabei. Die grobe Anleitung, wonach man suchen sollte, wurde dann am geburtshilflichen Phantom aus Leder geüebt – der „Unterleib ohne Frau“ genannt. Dabei ganz wichtig: das Pokerface. Frauen schauen einen meißt genau an und lesen jeden Gesichtsausdruck ab. Ein überraschter, verwirrter, geschockter Gesichtsausdruck ist fast immer absolut nicht angebracht, egal was man ertastet. Die Gesichtszüge während der größten Konzentration unter Kontrolle zu bringen ist noch schwierig.

Letztendlich kann man sagen, dass wir uns am heutigen Tag alle ein bisschen hebammiger gefühlt haben als noch vor einigen Wochen. Im Raum kursierte die unausgesprochene Vision des Examenstag. Erster Meilenstein erreicht. Jetzt heißt es üben – mögen die Frauen es mir verzeihen – natürlich so sanft und einfühlsam wie irgendwie möglich.

Ich finde die Bilder von heute spiegeln den Zwiespalt, den ich beschreibe, gut wieder.

Metamorphose?

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Seit dem Beginn meiner Zeit im Kreißsaal beginnt Unsicherheit, sich in mir auszubreiten. So viele Geburtserlebnisse, so viele Geburtsgeschichten. So viele Interventionen. Nach und nach bröckelt meine bis vor kurzem felsenfesten Ansichten was die relative Sicherheit der Geburtshilfe angeht.

Ich stehe täglich neben Frau Schmidt, Frau Müller, Frau Yildrim, Frau Wood – alle gehen schwanger mit einem Kind und der Hoffnung, fast Gewissheit, dass es bald da ist. Frau Schmidt wird am Geburtstermin eingeleitet, Frau Müllers Kind wird per Ultraschall zu schwer geschätzt („makrosom“ nenn man ihr Kind), Frau Yildrim hat einen Termin zum geplanten Kaiserschnitt wegen vorangegangenem Dammriss dritten Grades, Frau Wood atmet sich durch die Endzüge ihrer Geburt und ihr wird ein Wehentropf gelegt.

Jedes mal die Erleichterung, der große Abfall der Anspannung wenn die Kinder aus der Frau sind. Jedes Mal Stirnrunzeln beim Blick auf das CTG – in jedem einzelnen Fall.

Natürlich bleiben meine Überzeugungen kognitiv bestehen. Würde mich jemand darauf ansprechen, würde ich es vermutlich auch nicht zugeben. Aber in mir keimt der Zweifel, ob Geburt an sich ein perfekt abgestimmter Prozess ist. Ob Eingriffe wirklich so gering zu halten sind wie möglich. Ob dieses oder jenes Kind, per Kaiserschnitt geboren, nicht doch besser dran gewesen wäre. Ob es überhaupt eine Rolle spielt ob Frau Schmidt oder Frau Yildrim vor mir liegt. Liegt oder steht.

Wie funktioniert die außerklinische Geburtshilfe überhaupt so gut? Wie ertragen die Hebammen diese Anspannung, wie die Frauen diese Schmerzen. Das sage ich als Frau, die selbst zwei Kinder geboren hat – das ist wahr!

Ich hab nur eine Erklärung für diese seltsamen, vereinnahmenden Zweifel. Ein Teil von mir zerbröselt, löst sich auf, zerfällt zu Asche. Um sich dann wieder neu zu finden. Quasi wie eine Metamorphose. Aus dem blinden Idealismus, der wilden Hoffnung von noch vor einigen Monaten wird langsam – schmerzhaft, dunkel und dem Erreichen des Ziels unsicher – ein tiefes Wissen. Vielleicht wächst daraus nach und nach im Laufe der kommenden Jahre das auf stabiles Fundament gebaute Vertrauen, das mich als Hebamme durch die Geburtsbegleitung trägt. Vielleicht auch mit der Übung das Verlassen auf die eigenen Fähigkeiten. Die Realisierung der eigenen Grenzen. Ein ganz neues Bewusstsein. Ruhe statt Aufregung. Tiefe statt Klammern an die Oberfläche. Spüren der eigenen Grenzen, statt die Hoffnung auf unendliche Fähigkeiten. Es ist vermutlich, wie „Growing Flowers“ in einem Kommentar sagte: Ich lerne das, was ich brauche um die Hebamme zu werden, die ich sein soll.

Die Geburt einer Hebamme – es ist ein mächtiges Gefühl sich selbst auf diese Weise wachsen zu spüren. Trotz aller Zweifel und Schmerzhaftigkeit.

Vom verlorenen Handwerk

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Bisher habe ich jeden Dienst meines Kreißsaaleinsatzes dazu genutzt, die Bäuche der Schwangeren mittels Leopold-Handgriffen abzutasten. Erstens, um den Kontakt zu den Frauen aufzunehmen, ihnen näher zu kommen und das über eine offenbar professionelle Handlung und damit auch Teilnehmen an ihrer persönlichen Geschichte. Aber zum zweiten und damit vor allem auch um eine Vorstellung von der Lage der Kinder im Bauch zu bekommen.

Soweit so gut – die Leopold-Handgriffe wurden in der Hebammenschule unterrichtet, wir haben sie grob geübt und wurden aufgefordert, sie ruhig an jeder sich anbietenden Schwangeren zu üben. Da sie in den meißten Fällen schmerzfrei sind und oft sogar angenehm also bedenkenlos anzuwenden.

Wo ist die Gebärmutteroberkante? Was ist darin zu fühlen? Wo fühle ich den Rücken des Kindes und wo vermute ich die sogenannten „kleinen Teile“ – Ärmchen und Beinchen – als unebenere Fläche? Wie tief steht der Kopf des Babies im Becken und ist er fest im Becken oder lässt er sich noch hin- und herwackeln? Diese Fragen werden mittels der Leopold-Handgriffe im Idealfall direkt beantwortet. Eigentlich könnten sie uns aber noch viel mehr verraten (und damit eventuell Rückschlüsse auf die kommende/laufende Geburt ziehen):

Ist der Rücken seitlich nach vorn (anterior) oder seitlich nach hinten (posterior) gelegen? Wie ist das Bindegewebe der Frau? Wie ist der Muskeltonus der Gebärmutter? Wie angespannt die Bauchdecke? Reagiert ihr Kind auf mich? Ist es aktiv, eher zurückhaltend, ertragend oder wehrt es sich gegen Berührung von außen (durch mich)?

Das alles sind Antworten auf Fragen, die leider garnicht gestellt werden. In der Praxis wird im Kreißsaal von Hebammen oder Ärzten kein einziges Mal ein Leopold-Handgriff angewendet. Weder bei den Kontroll-CTGs, die so oft geschrieben werden, noch während der Geburtsphasen. Bisher hatte ich leider auch noch keine Gelegenheit (und nicht den Mut zu fragen) während einer Geburt nach dem Kind zu tasten – auch, weil die Frau für mich als ungeübte Tasterin liegen müsste, und ich sie nicht aktiv zum Liegen auffordern möchte nur um nachzutasten.

Was aber könnte ein häufigeres (und kontinuierliches) Tasten für Vorteile in der Geburtshilfe (und Schwangerenvorsorge) bringen? Man könnte Lagen und Haltungen des Kindes erkennen, die später eventuell(!) zu Komplikationen führen könnten, und der Mutter gezielt andere Positionen vorschlagen. Man könnte bereits während der Schwangerschaft darauf Einfluss nehmen, wie sich ein Kind in das Becken einstellt, in dem man der Frau bestimmte Übungen zeigt, die die Muskeln kräftigen und damit eine andere Haltung und Lage der Gebärmutter (und damit des Kindes) begünstigen. Man könnte unzählige vaginale Untersuchungen vermeiden und trotzdem den Geburtsfortschritt verfolgen.

Versteht mich nicht falsch – ich bin nicht dafür, alle Babies in eine Lage zu normen. Aber das handwerkliche Geschick der Hebamme, nämlich unter anderem das Tasten nach dem Kind im Bauch dessen Mutter, stirbt aus. Eine angenehmere, erfolgreichere und interventionsärmere Geburtshilfe siecht dahin. Sei es drum – ich kann nicht die ganze Welt retten.

Was mich als Hebammenschülerin aber ärgert ist mein Alleingang. Ich taste Befunde und will sie besprechen. Ich will, dass jemand nachtastet um meine Erfahrungen zu bestätigen oder meine Versuche zu lenken. Ich will meine Beobachtungen in Relation setzen und mögliche Folgen, Vorschläge an die Mutter und Überlegungen teilen oder erklärt bekommen. „Die Gebärmutter dieser Frau hat einen extremen „Ausfall“ nach rechts, was sagt mir das? Was für geburtshilfliche Relevanz hat das?“ „Das Köpfchen des Kindes dieser Frau ist fest und unabschiebbar im Becken, die Oberkante der Gebärmutter geht aber noch bis fast über den Rippenbogen hinaus. Ist es ein langes Kind?“ … Auch die Schätzwerte eines Kindes anhand der manuellen Tastung über den Bauch, ein manchmal hilfreiches Wissen – all diese Dinge lerne ich nicht. Niemand im Kreißsaal weiß Antworten auf meine Fragen und ich lerne schnell, sie nicht mehr zu stellen. Ich muss mich selbst hinsetzen und meine Beobachtungen in ein Heft eintragen in der Hoffnung, dass ich die Frau bei der Geburt wieder sehe und somit meine Befunde in Relation zum Geburtsgeschehen setzen kann. Quasi das Rad nocheinmal neu erfinden – weil ich in der Ausbildung zur Hebamme nicht alle Dinge lerne, die eine Hebamme können sollte (meiner Ansicht nach). Ich habe die grobe Vermutung, dass sich das nicht nur auf die manuelle Diagnostik beziehen wird.

Interessant dagegen finde ich, dass dergleichen in aktuellen geburtshilflichen Lehrbüchern kaum bis garnicht erwähnt wird. Die Zusammenhängezwischen Haltung der Mutter, Vorlieben in ihrer Haltung, die Haltungen der Kinder, Gewebetypen und Geburtsgeschehnisse – diese Sachen findet man in alten Lehrbüchern durchaus noch. Zum Beispiel in einem staubigen Exemplar des Klassikers „Lehrbuch der Geburtshilfe“ von Stoeckel aus den 1940er Jahren. Ein Schatz an Erfahrungen, die heute kaum noch Relevanz finden weil es Ultraschall gibt, die Schwangeren/Gebärenden an vaginalen Untersuchungen en masse nicht mehr sterben und es zur Not ja Kaiserschnitt und Vakuumextraktion (Saugglockeneinsatz) gibt.

Bleibt mir wohl nur, irgendwann die „weisen Frauen“ der Geburtshilfe zu suchen, die all das nicht vergessen haben. Und das Selbststudium.

Birth Rape

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(Achtung, kann triggernde Szenarien enthalten)

Für diesen Artikel einen Titel zu finden fällt mir etwas schwer. Hierzu inspiriert hat mich dieser Artikel auf http://birthactivist.com: „What Feminists Should Know About Birth Rape“.

In der Szene der am Thema Geburt interessierten Menschen, überschnitten und zum Teil deckungsgleich mit Teilen des Feminismus – geht ein Raunen durch die Rotte. Der Grund dafür ist der Begriff „Birth Rape“, der im Deutschen noch nichtmal einen Namen hat. Wollen wir ihm einen geben, so kommt oft Ratlosigkeit zu Tage. Geburtsvergewaltigung kann man doch kaum sagen, hier so im deutschen Raum, oder? Wie wäre es mit dem Begriff „Vergewaltigung in geburtsmedizinischem Zusammenhang“ – wir Deutschen mögen ja lange Wortketten. Unser Füllstandsanzeige für Bildung pendelt dann immer so schön nach oben. Also bleiben wir bei „Vergewaltigung in geburtsmedizinischem Zusammenhang“ – Kommentare mit Vorschlägen zur Umbenennung sind herzlichst Willkommen!

Um mal die Definitionen zu klären: eine Vergewaltigung ist ein sexueller Übergriff auf einen anderen Menschen, durchgebracht mit körperlicher oder verbaler Gewalt – also gegen den Willen des Opfers. Und damit sind wir auch schon beim Tabu-Thema. Nämlich, dass sowas in Kreißsälen statt findet und dass das keine Seltenheit ist.

So gern die Gynäkologie uns seit Entstehung der Fachrichtung davon überzeugen möchte, dass ihr Gebiet nichts mit Sexualität zu tun hat – sie hat es doch. Im Zentrum der Gynäkologie, und damit Geburtsmedizin als Teilgebiet, steht nun einmal die individuelle Frau mit ihren Körper- und Seelenteilen. Die Geburtsmedizin und -hilfe betreut ein sexuelles Wesen, die Frau in schwangerem Zustand. Das Augenmerk der Geburtsmedizin liegt auf den Geschlechts- und Fortpflanzungsorganen der Frau, dem assoziierten Sitz ihrer Sexualität. Eine Betreuung in diesem Bereich, auch wenn der Fokus gern auf das angeblich asexuellen Kind gelegt wird, bleibt eine an Sexualität und damit Empfindsamkeit und Intimität geknüpfte Begleitung.

Drei Beispiele für Menschen, die gern verstehen möchten, was mit Vergewaltigung mit geburtsmedizinischem Zusammenhang gemeint ist:

1. Karla hat ein Haus. Weil man das eben so macht, wie ihre Freundinnen erzählt haben, holt sie regelmäßig Handwerker ins Haus, die die Rohre, Fenster, Dämmung und so weiter überprüfen. Normalerweise läuft das so ab: es klingelt, Karla geht zur Tür, öffnet sie und der Handwerker steht vor der Tür. Sie begrüßt ihn und da sie ihn kennt, ihn für einen guten Handwerker hält und ihn ja auch zu sich bestellt hat, lässt sie ihn rein. Er fragt, ob er die Schuhe vor der Tür lassen soll und wenn er mal Pippi machen muss, fragt er auch, ob er mal das Bad benutzen darf. Natürlich räumt Karla vor einem Handwerkertermin ihr Haus auf: dreckige Unterwäsche kommt in den Wäschekorb, der Bindeneimer wird geleert und ihre Vibratorsammlung verschwindet im Schrank.

2. Wenn es aber nun so liefe: es klingelt, Karla öffnet die Tür und mit dreckigen Schuhen tritt ihr ein Handwerker entgegen, schubst sie aus der Tür und läuft an ihr vorbei den Gang entlang. Er ist eine halbe Stunde zu früh und auf der Treppe liegen noch die dreckigen Klamotten von letzter Nacht. Er rümpft die Nase und sagt „Uärks, Frau G. – so wären sie aber keine gute Mutter, die Unordnung die hier herrscht“.  Er schaut sich in der Wohnung um und sagt „Ich geh mal eine Stange Wasser wegstellen“, verzieht sich ins Bad – in dem der volle Bindeneimer steht und auf Leerung wartet. Aus dem Bad kommt der Handwerker mit der Bemerkung „Na, diesen Monat wohl keinen Braten inner Röhre, wa – jedenfalls wenn man den ganzen vollgesauten Binden da glauben darf?“ und geht weiter […].

Und so weiter – ihr könnt euch das Szenario sicher vorstellen. Das ist nicht nur unfreundlich, Karla fühlt sich sicher auch unwohl in ihrem Haus, ihrer Haut und ist mindestens wütend.

3. Jetzt stellt euch vor, es klingelt nicht an Karlas Haustür. Sie hört draußen Schritte und will grad zur Tür gehen, da zersplittert diese und ein Mann steht in der Tür – in Handwerkerkluft. Ohne ein Wort geht er an ihr vorbei und schaut hastig durch jedes Zimmer, spuckt auf den Boden, macht abfällige Bemerkungen zu seinem Kollegen hin, der noch draußen steht und darüber lacht. Er reißt ihr Waschbecken aus der Wand, das ein wenig geleckt hat – ähnlich wie in Beispiel 2 – und reagiert weder auf Karlas lautstarke Proteste noch Hilferufe […].

Es fällt nicht schwer zu verstehen, dass es hier um Karlas Haus ging. Ginge es um ihren Körper, in den Ärzte ohne Absprache, Informationen, Nachfrage Finger oder Gegenstände stecken und damit u.U. verletzen – auch Bitten oder Flehen aufzuhören ignorierend – dann könnte man annähernd verstehen, was Vergewaltigung im geburtsmedizinischen Zusammenhang bedeutet. Es bedeutet aber auch, dass dem Opfer nicht zugehört wird. Es bedeutet, dass Übergriffe jeder Art mit pseudofaktischen Gründen wegerklärt werden können. Noch immer lebt der Mythos des Halbgott in Weiß. Es bedeutet, dass die Opfer keine Anerkennung als Opfer erfahren, sondern doch „froh sein sollten, dass sie und das Kind gesund sind“. Es bedeutet, dass sie nicht nur sexualisierte Gewalt erfährt, sondern auch der Start in ein Leben als Mutter immens gestört wird.

Mir ist es wichtig die Menschen zu sensibilisieren. Die Frauen dafür, dass sie das Recht haben zu entscheiden – an jedem Punkt der Schwangerschaft und Geburt. Die Angehörigen dafür, dass Geburt keine Gewalterfahrung von außen beinhalten sollte und darf – dass es nicht normal ist. Und medizinischen Personal und Hebammen dafür, dass sie unter vielen anderen ihre Arbeit nicht an jemandem, sondern für jemanden tun. Auch, dass sie nicht weggucken und Situationen bagatellisieren dürfen. Und, dass jede Vergewaltigung verfolgt werden sollte – im Besonderen die, die gesellschaftlich noch immer akzeptiert sind.

 

 

 

Die schmerzlose Geburt #2

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Teil #1: *klick*

Viele Birth Activism Stimmen sagen, die Gefühle bei der Geburt sollten umbetitelt werden: Wehen werden Wellen, sie tun nicht mehr weh sondern sind intensiv, der Durchtritt des kindlichen Köpfchens ist der Höhepunkt. Die Umbenennung deshalb, weil Worte Realität erzeugen und daraus Gefühle entstehen: Ängste oder Mut. Auch den Gedanken find ich durchaus nachvollziehbar und könnte ihn fast abnicken.

Aber: was ist mit den Frauen, die Schmerzen haben? Für die sich die Geburt nicht nur intensiv, sondern auch schmerzhaft anfühlt? Haben die verloren, den Zug verpasst, nicht genügend Bücher gelesen oder zu wenig Geld in Atemkurse investiert? Laufen vielleicht deren Geburten komplett gegen die von der Evolution eigentlich hervorgebrachte Art, wie ein Kind auf die Welt kommt: intensiv, aber schmerzlos? Diese Frauen fallen vom Zug des Fanatismus, werden allein gelassen in ihrem Empfindungen – mit dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben oder nicht genug –  mal wieder ein Versagensgefühl. Ist es nicht genau das, wofür sich die Gegenbewegung so stark macht? Natürliche Vorgänge, liebevoll begleitet und mit dem Staunen über die eigene Kraft bestreuselt?

Was ist eigentlich dieser vielbesprochene Schmerz während der Wehen? Aus der Sicht der körperlichen Physiologie beschreibt beispielsweise die italienische Hebamme Verena Schmid die ganze Angelegenheit in ihrem Buch „der Geburtsschmerz – Bedeutung und natürliche Methoden der Schmerzlinderung“ (Hippokrates-Verlag).

Und die emotionale Komponente? Was macht der Schmerz mit uns? Das ist eine der Fragen, die geflutet werden von Antworten aus meinem eigenen Erfahrungsschatz.Der Schmerz kann einen entmächtigen, er kann einen untergehen lassen, uns zeigen wie nichtig und unwichtig wir sind. Über unseren Geist, unsere Wünsche und Ideale hinweg greift er nach unseren Körpern und reduziert uns auf das Tier, das wir sind.

Klingt ganz schön negativ? Und wenn man es so herum betrachtet: er macht uns demütig. Wir sind Tierfrauenm, die ihr Junges auf die Welt bringen – wie Millionen anderer Tierfrauen vor uns. Ein Instrument des Lebens, zwingt es uns, die Dinge los zu lassen, die uns ängstigen oder begrenzen. Es zwingt uns, uns in den Rythmus zu fügen, der schon immer existiert hat.

Wer nicht loslassen kann, dem werden die Finger gebrochen – das Gefühl der Gewalt, der Entmächtigung bleibt. Wer selbst loslässt wird davon getragen und spürt, welche Stärke daraus entsteht. Sich dem Leben hingeben, nicht alles planen müssen, in sich selbst die Kräfte und Werkzeuge finden, die man braucht um durch das Leben zu gehen. Plötzlich muss man keine Koffer voller Wissen mehr mit sich herumtragen, man trägt alles was man braucht in sich. Dieses Wissen ist enorm wertvoll – es macht einen mutig, es bringt Vertrauen in sich selbst und dass das Leben seinen Weg geht.

Es hilft einem, sich im Leben mit dem neuen kleinen Wesen zurecht zu finden, dass man soeben in die Welt gebracht hat. Mit dessen Rythmen zu gehen und das Wissen, dass die Dinge einfach manchmal nur passieren müssen – ohne dass man eingreift.

Als Fazit lässt sich sagen: der Geburtsschmerz ist nicht sinnlos. Es tut ihm Unrecht, ihn wegdiskutieren zu wollen – er hat eine große Aufgabe. Jede Frau ist anders, jede Geburt auch – jede braucht einen anderen Grad an Schmerzhaftigkeit, um nach innen zu finden oder auch Mauern in sich selbst einzureißen. Der Schmerz darf da sein – wie eine Frau ihm begegnet ist die Frage. Und die darf und sollte sich jede Frau und Hebamme weiterhin stellen.

Die schmerzlose Geburt #1

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Im Laufe der letzten 30 Jahre, parallel zu den Hippy-Bewegungen, hat sich eine Geburtskultur entwickelt, die sich der Geburtsmedizin entgegen gestellt hat. Back to the roots:  unter einem ausladenden Sommerbaum die Hüfte kreisend, tiefe Tierlaute von sich gebend gebärten die Frauen plötzlich ihre Babys, die sie danach liebevoll auf die Brust nahmen, um sie danach von selbst zur Brust finden zu lassen. Wir haben dieser Bewegung viel zu verdanken – sie ist es, die mächtige Kräfte aufgebracht hat und noch heute die Grundfesten der Geburtsmedizin erschüttert, sodass endlich wirkliche Fakten über die Geburt auf den Tisch kommen, nach denen gearbeitet wird (Evidenz basierte Medizin) und die Frauen und Kinder tendenziell eher die Betreuung und Begleitung bekommen, die sie verdienen und benötigen.

Aber natürlich gibt es in jeder Bewegung extreme Ausläufer. Ein entsprechendes Phänomen wäre die Behauptung, dass die Geburt eigentlich ein schmerzfreier Vorgang wäre – würde die Frau nicht so zugeschüttet mit Ängsten, Interventionen und unpassenden Geburtsatmosphären. Um Missverständnissen vorzubeugen: ich spreche niemandem eine schmerzfreie oder -arme Geburt ab. Es gibt solche Geburtserfahrungen – daran zweifle ich nicht im Geringsten.

Als eine der Trägerinnen dieses Glaubens seien zu nennen Marie F. Mongan, die eine Methode namens Hypnobirthing erdacht hat. Ihre Methode umfasst eingehende Aufklärung zu den Vorgängen während der Geburt, die Ermutigung sich passende Geburtsbegleiterinnen* zu suchen, Entspannungsmaßnahmen, Atmungsübungen und diverse Elemente der Hypnose und Selbsthypnose. Mongan bietet indirekt Hyponobirthing-Kurse durch zertifizierte Hypnobirthing-Kursleiterinnen an, sowie ein Buch (wobei empfohlen wird, beides zu kaufen …).

Klingt nicht verkehrt, oder? Informationen über die Abläufe, die Frauen anregen selbstinformierte und -bestimmte Entscheidungen zu treffen und ihnen „Handfestes“ zu geben, mit dem sie sich durch die Wehen arbeiten können. Dazu kommt allerdings noch der penetrante Ton und die propagandaartige Anpreisung der Möglichkeit, schmerzfrei zu gebären. Man muss sich nur frei von Ängsten machen, eine geborgene Atmosphäre haben und natürlich sowohl das Buch, als auch die Kurse durchgearbeitet haben. Bei Youtube kann man sich dann an regnerischen Sonntagen davon überzeugen, dass es möglich ist. Frauen gebären fast geräuschlos und geistig an einem scheinbar besseren Ort ihre Kinder: Hier oder hier.

Wenn das mal nicht eine Karotte vor der Nase ist. Denn das Problem ist: so viele Stimmen fanatisch an der Möglichkeit festhalten, Geburt könne und müsse eigentlich schmerzfrei oder mindestens wie ein straffer Spaziergang an einem Frühlingstag sein – so viele Stimmen enttäuschter Hypnobirthing-Hoffenden gibt es zu hören. Manche sind wütend, manche sind traurig. Aber die meisten klingen doch ziemlich enttäuscht – hatte man Ihnen doch den heiligen Gral versprochen, die schmerzlose Geburt. Der Traum aller Frauen seit Anbeginn der Zeit.

Oder nicht? (… weiter geht’s im zweiten Teil )

* Männer sind mitgemeint.