Archiv der Kategorie: Gedanken

Gratis Tütchen beim Kinderarzt

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Ganz unabhängig davon, dass ich mich als eine „Lactivistin“ bezeichnen würde – also eine Verfechterin des Stillens – mal ein Paar Worte jenseits von der Grundsatzdebatte Stillen vs. Formula. Oder vielleicht nicht ganz so weit abseits davon.

Über einen Link bin ich auf diesen Artikel auf taz.de gekommen. Er prangert öffentlich an, wofür sich viele Menschen schon seit Jahren einsetzen. Die Kritik an den Werbemaschen der großen Industrie-Konzerne, die für Muttermilchersatzprodukte werben, wird trotzdem immer wieder mit Augenrollen quittiert. Wer sich für das Stillen stark macht und aggressive Werbefeldzüge kritisiert wirkt auf die „Welt da draußen“ oft der vorsitzende im Schachverein, der von früh bis spät über sein Lieblingsspiel lamentiert.

Schade, dass auch in der „Fachwelt“ eine breite Akzeptanz der Werbemaschen herrscht und man sich vieler orts gern mal den einen oder anderen Hipp- oder Nestlévertreter einläd, um eine Fachfortbildung zu halten. Schließlich haben die großen Firmen inzwischen Forschungsinstitute gegründet, die die gewonnen (oder erbastelten) Erkenntnisse dann auch unter die Leute bringen wollen. Mit Vorliebe werden dann auf solchen Veranstaltungen auch Gratisproben, Infobroschüren oder ein Visitenkärtchen ausgetauscht. Natürlich alles im Namen der Gesundheit des Babies.

Ich kann jedenfalls nur hoffen, dass die Branche mal einen Dämpfer erfährt indem aggressive Werbeinitiativen wie das Verschicken von Gratisproben oder Formula-Werbung mit dem Bild einer Stillenden einzuleiten strenger beobachtet werden und die Reglementierung auch durch gesetzt wird.

Auch, wenn das vermutlich ein schöner Traum bleiben wird. Schließlich sind die großen Unternehmen dabei, mit ihren Einnahmen kräftig in die Steuerkasse einzuzahlen. Da wollen wir doch lieber mal doch nicht so genau hingucken … Naja, und zur Not geht immer eine Spende an irgendein wohltätiges Werk.

Vom Pferd gefallen

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Jetzt habe ich schon einen Monat nicht mehr geblogt fällt mir gerade auf. Aber eine regelmäßige Bloggerin war ich ja noch nie.

Meine Abwesenheit mag daran liegen, dass ich in eine Sinnkrise gestolpert bin. Wie immer in Sinnkrisen bröckelt alles zusammen, man verbrennt zur eignenen Asche um dann wie ein Phönix aus ihr wieder geboren zu werden. Ein großer Scherbenhaufen bildet das eigene Herzchen – schmerzhaft und beängstigend – und wunderbar frei für Neues. Es ist viel Leere in mir, die erschreckend und beflügelnd zugleich sein kann. Oder abwechselnd in Abständen von Stunden.

In der Zwischenzeit, bis mein Studium beginnt, probiere ich etwas Neues aus. Dieses Mal ist es Weihnachtsdeko verkaufen. Das ist zum einen auf eine seltsame Weise befriedigend, weil ich meine Kleinmädchenträume vom hinter der Plaste-Kasse stehen befriedige. Die Kasse bingt, ploppt, klackt und schwingt auf. Andererseits ist es ein hartes Metier – meine Füße fühlen sich seit zwei Wochen wie klumpige, schmerzende Etwasse an. Die Stimmung im Team ist eher hart als herzlich und es herrscht ein ruppiges Miteinander. Ständig strömen Reiche oder Möchtegernreiche in die Läden und kaufen billiges Glitzerzeug für teure Preise. Am Ende des Monats wird mit Kreditkarte bezahlt, das normale Konto wird nur noch fürs Essenkaufen angezapft.

Ich denke dieser Tage viel über Konsum nach. Während ich ungelogen Kilo um Kilo leere Kartons die Treppen rauf und runter trage kommt ein Unwille in mir auf, weiter diesen ganzen Affentanz mit zu machen. Weihnachtsbaumkugeln – jedes Jahr neue, weil die roten von letztem Jahr gehen auf keinen Fall mehr. Dieses Jahr muss es silber sein. Ein Symbol dafür, dass man Dinge kauft, die man nicht braucht mit Geld, das man nicht hat. Zu einem Preis, den man unmöglich zahlen sollte. Jeden Tag geht man malochen, arbeitet mehr Stunden als man sollte und verbringt weniger Zeit mit den geliebten Dingen als man möchte – um silberne Dekoelemente zu kaufen. Die trägt man dann in die eigene Höhle, dekoriert die und schon ist der Schmerz über die 50 Stunden Arbeitswoche und die Sehnsucht nach Einfachheit, Geborgenheit und Erfüllung wieder ein bisschen leiser.

Dieser Tage inspirieren mich mal wieder einmal Blogs:

http://www.theminimalistmom.com/ – mit dem Untertitel „a rich life with less stuff“. Gedanken über Konsum und wie man sich davon löst inklusive Tipps – auf angenehme Art.

http://growingflowers.wordpress.com/ – die „wachsenden Blümchen“ – immer wieder. Meine Lieblingshebamme und fortwährende Inspiration was mein Lebensgefühl angeht. Besinnung, Demut, Freude am Leben und Liebe zu den Dingen – und Menschen. Innehalten, hinhören und -schauen. Durchatmen und es einfach durch einen hindurch fließen lassen. Diese Frau war schon mehr als einmal Hebamme für mich und eine geistigen Kinder.

Nun … seit kurz nach meiner Kündigung schleiche ich um die Entscheidung, mich als Doula ausbilden zu lassen, wie eine Katze um einen Teller Frischfleisch.

Zum einen ist da die Begeisterung für das Thema – ungebrochen und noch immer da. Ich kann mir einfach kein Leben ohne die Arbeit mit Frauen in dieser Lebensphase vorstellen. Zum anderen sind da alte Sorgen – zu jung zu sein, noch nicht perfekt im professionellen Umgang mit Menschen und Situationen zu sein, noch zu wenig zu wissen, ohne Auto weniger mobil und damit erreichbar zu sein … Die Liste ist beliebig erweiterbar.

Ganz neu dagegen ist die Überlegung, vielleicht doch nicht mehr beruflich in diese Richtung zu steuern. Wie eine Reitende , die vom Pferd gefallen ist. Pferde sind noch immer faszinierende, großartige Tiere. Und aus der Ferne bewundere ich sie. Ich beneide an mir vorbereitende Menschen und wünschte, ich könnte mich auch wieder trauen. Aber ich bringe es nicht über mich, einem Pferd näher zu kommen. Auch nur daran zu denken, mir auch nur eine Vorstellung von mir im Stall zu machen.

Ich will warten, bis ich wieder bereit bin für Pferde. Und wenn dieser Tag nie kommt? Oder ich ihn verpasse? Oder – weggespült vom Strom der leeren, „arbeitenden Bevölkerung“ – mich einreihe in das Leben für Notwendigkeiten? Schließlich hat meine Familie finanzielle Bedürfnisse. Wie vertretbar ist es, einer inneren Stimme gegen alle Widerstände hinterher zu laufen? Und wie vertretbar ist es, ihr nicht zu folgen?

Das erinnert mich an die Göttin Hekate, die unter Anderem die Göttin der Schweidewege ist. Früher standen wohl immer wieder kleine Altare von ihr neben den Wegen und die Leute haben ihr Blumen, Früchte oder Ähnliches geopfert, wenn sie auf Reise waren. Nun denn … vielleicht nimmt sie ja die Kiste mit den 6 neuen Weingläsern, die mir beim Befüllen der Regale vorgestern runtergefallen sind, als Opfer.

(mein letzter Post ist durch irgendwelche Verwirrungen einfach weg. Hmpf. Aber ich denke, ich hab die Quintessenz wieder reingebracht.)

Die stille Botschaft

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Die großen Aussagen, die wir während der Begleitung von Frauen während ihrer Geburt machen wollen ist: du bist sicher, du bist umsorgt, du bist respektiert – ganz egal, wie die Begleitumstände aussagen. Viele Künste machen die Geburtsbegleitung aus, diese Aussagen einer gebärenden Frau zu vermitteln ist eine davon. Und ein großer Teilaspekt davon ist die Körpersprache und wie wir uns der Frau gegenüber nähern – eine stille Botschaft an sie in einer Situation, wo die Atmosphäre einer der wichtigsten Geburtshelferinnen ist.

Dabei ist es wichtig, dass man sich zu jeder Zeit bewusst ist, dass man zu dieser Zeit an diesem Ort anwesend ist nur aus dem einen Zweck: dieser Frau zur Verfügung zu stehen und ihr zu dienen, sodass sie ihr Kind auf diese Welt bringen kann. Und zwar ausschließlich so, wie es die Frau braucht. Man bietet sich und die eigenen Ressourcen jemandem dar. Es ist eine demütige Arbeit, die man tut.

Meine Körpersprache soll das spiegeln. Ich will mein Körperlevel unter dem der Frau halten, mich im Raum positionieren in einer Form, die meine Bereitschaft aktiv zu werden zeigt und zwar genau dann, wenn sie es möchte und bis dahin zurückhaltendes Abwarten bedeuten. Ich kann ihr Augenkontakt bieten, ein sicheres Lächeln ohne Mitleid aber mit Mitgefühl.

Um meine Körpersprache zu beherrschen ist es wichtig, sich der eigenen Stimmung bewusst zu werden, bevor man zu einer Frau kommt. Dazu kann sich jede andere Werkzeuge suchen. Ich mag es aber, kurz vorher einmal tief durchzuatmen und mit meinem Ausatmen mein Ego und Stimmung gehen zu lassen und leer und offen zu werden.

Auch die Beobachtung der eigenen Körpersprache kann hilfreich sein. Wann reagiere ich wie, wie fühle ich mich, wenn ich mich bewusst anders positioniere? Wie geht es mir, wenn andere Leute eine gewisse Haltung einnehmen? Versuch macht kluch.

Das ist übrigens ein Grund, weshalb ich nicht daran glaube, dass man Geburtsbegleitung hauptberuflich und auf Dauer machen kann/sollte. Es ist einfach sehr anstrengend und emotional absolut fordernd. Ich bin mir im Übrigen im Klaren darüber, dass das im Alltag nicht immer so zu handhaben ist. Aber hey: shoot for the stars!

Merkt man, dass ich wieder mal eine spirituelle Phase habe? ;)

Lebenszeichen #2

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Nachdem ich mich wieder ein bisschen erholt habe und wieder auf dem Dampfer bin, geht es hier mehr denn je weiter. Denn mein Abgang aus der Hebammenschule heißt für mich keinesfalls, dass meine Hebammenkarriere dahin ist. In gewisser Weise ist es gut, dass ich diese fast 6 Monate in die deutsche Ausbildung schnüffeln haben konnte. Ich kann jetzt Abstand nehmen von der damals fast schon schmerzhaften Sehnsucht danach, diese Arbeit zu machen.

Ich bin mir meines Wertes als Geburtshelferin jetzt bewusster denn je. Bis zum Beginn der Ausbildung gab es in mir immer einen Teil, der sich zurück gesetzt gefühlt hätte, hätte eine Frau nicht meine Hilfe gebraucht. Davon habe ich jetzt ein gutes Stück hinter mir gelassen, weil ich gesehen hab, wie falsch der darauf folgende Weg ist. Schwangeren, gebärenden und stillenden Frauen existieren nicht, damit Hebammen sie behandeln können. Andersherum wird ein Schuh draus: Hebammen und Geburtshelferinnen jeder Art gibt es ausschließlich, weil es Schwangere, Gebärende und Stillende gibt, die sich während dessen begleiten lassen wollen. Aus dieser Erkenntnis entwickelt sich die Bedeutung, die hinter dem Wort „Doula“ steht: Dienerin der Frau.

Diese Sicht der Dinge gibt auch die Möglichkeit, sich über die typischen Burnout-Hintergründe zu ergeben. Die Sucht, gebraucht zu werden, anerkannt zu werden und das damit einhergehende langsame Ausbrennen der Betroffenen.

Ich bin froh, wieder die Perspektive gewechselt zu haben. Und mir damit ganz viele Möglichkeiten eröffnet zu haben. Den Weg, Geburtshelferin zu werden gehe ich weiter. Und die Erlangung der Berufsbezeichnung „Hebamme“ wird dabei nur ein Schritt von vielen sein.

Und deshalb wird dieser Blog auch erhalten bleiben.

Ich danke euch für eure Anteilnahme! Das hat mir sehr gut getan.

Liebste Grüße, Oona

Die vielgelobte Grausamkeit „der Ausbildung“

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Da mir das Ziel, Hebamme werden zu wollen, schon einige Jahre lang klar gewesen ist, bevor ich dann den Weg tatsächlich antreten konnte, bin auch ich über die Sagen rund um „die Ausbildung“ gestolpert. In entsprechenden Foren für am Hebammenberuf Interessierte finden sich immens viele Gruselgeschichten über die Ausbildung. Manchmal sind es ausformulierte Erlebnisse, die geteilt werden. Oft aber nur Wortmeldungen wie „die Ausbildung war die schlimmste Zeit meines Lebens“ oder „Ich würde es, auch wenn ich meinen Beruf sehr liebe, nie wieder machen.“. Immer wieder ist ein Kritikpunkt des Bundesrats für Werdende Hebammen, dass die Ausbildungserlebnisse der Schülerinnen (und Studentinnen?) furchen in die Psychen dieser Frauen haut.

Nun kommt es natürlich darauf an, an welcher Schule man lernt zum einen. Manche Schulen scheinen prädestiniert dafür – andere weniger. Die Stimmen häufen sich oder werden nur vereinzelt gehört. Zum anderen aber wohl auch auf das Naturell der Schülerin. Oder wie mir neulich eine entfernt bekannte Mitschülerin aus einem anderen Kurs erklärte: „es kommt darauf an, ob man ein „Das Glas ist halb leer“- oder „Das Glas ist halb voll“-Typ ist.“ Sprich: selber Schuld. Geh voran mit dem Kopf und dein Arsch wird folgen.

Nun hab ich vor dem Beginn „der Ausbildung“ (geflügeltes Wort) selbst mit sehr zittrigen Beinen der Möglichkeit gegen über gestanden, das alles könne für mich eine Feuerprobe werden. Die anfänglichen Wochen der Einführung und Praxisschnüffeleien haben mich etwas aufatmen lassen. Eine Tendenz war zwar zu erkennen – aber was soll’s. „Schwund ist überall“, wie man so schön sagt. Man will ja schließlich  kein „Das Glas ist halb leer“-Typ sein, nicht?

Meine Probezeit steht jetzt kurz vor ihrem Ende. Ich bin kurz davor, von einem wirklich leicht los zu werdenen Klotz am Bein zu einem mit legalen Mitteln schwer los zu werdenen Klotz am Bein zu werden. Ich finde, es ist Zeit für eine Zwischenbilanz:

Die Ausbildung ist grausam. Das ist nichts, dessen ich mich rühme á la: „Ich habe „die Ausbildung“ überlebt und alles was ich bekam war dieses Tshirt (und ein Examen)“. Die Grausamkeit besteht nicht in ihrer Hitler-Folterkeller-Grausamkeit. Es ist nichts schwarz- und weiß und auf den ersten Blick wirkt das alles sehr erträglich.

Aber der Teufel steckt im Detail (Anm. der Red.: Heute ist „platte Worthülsen“-Tag). Ich fand mich recht bald als Einzelkämpferin, mindestens aber als Minderheitenkämpferin. Nichts mit Gemeinschaft, die einen über diese Zeit trägt. Überall tuscheln stimmen darüber, dass Hebammen angeblich ein hinterhältiges Völkchen sind. So weit will ich nicht gehen – sagen wir eher, viele Hebammen haben redebedarf. Redebedarf, der nicht immer konstruktive Züge annimmt. Hebammen sind nicht frei von dem Bedürfnis nach Anerkennung und damit Anpassung an gängige Meinungen und Modelle. Hebammen sind nicht frei von der Verlockung, an der Oberfläche zu schwimmen. Wie alle anderen Leute eben auch.

Ich muss in die Bilanz einfließen lassen, dass ich wiederholt die Unmöglichkeit der Forderung an mich empfinde, einfach den Mund zu halten. Nichts zu sagen. Mitnehmen, was geht und andere nicht mehr mit meinen Ansichten und Diskussionsbedarfen zu behelligen, als ich es mit dem Gemüsehändler täte. Kopfnicken, Zustimmen, Jasagen, Mitmachen, Nachmachen, Anwenden, Üben.

Die Ansage, man werde es nicht leicht haben mit den Teams in der Praxis, wenn man so ist, wie man eben ist – die ist hart. Die Seele zuhause lassen, die leere Hülle zur Arbeit schicken – irgendwie muss das doch gehen. Klar geht das. Aber das ist dissoziieren, das ist aus dem eigenen Körper heraustreten und sich selbst nur noch als Teilnehmer an der eigenen Geschichte zu empfinden. Es grenzt daran, sich selbst Gewalt anzutun. Den Geist zurück weisen, denn er ist nicht erwünscht, die Arbeitskraft aber da lassen. All die Sachen zu tun, die unnütz oder sogar verletzend sind. Als Werkzeug des „Das ist eben so“s.

Das Wissen darum, dass das Leben in 3 Jahren weitergehen wird. Dass man nur bis dahin irgendwie überstehen muss. Und dabei ganz sicher viel vom eigenen (einigermaßen) heilen Selbstbildnis, -achtung und vertrauen zu opfern – das ist die vielgelobte Grausamkeit „der Ausbildung“.

„Weil ich ein starkes Mädchen bin, Schatz…“

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In den letzten Monaten ist mir viel über das Geburts(hilfe)system in Deutschland bewusst geworden, was mir vorher nicht so klar gewesen ist. Diesmal drehen sich meine Gedanken um übergewichtige Schwangere und deren Begleitung durch ihre aufregende Zeit der Mutterwerdung. Wie damals schon geschrieben, gehöre ich selbst zu den Frauen, die in der Plus Size Ecke einkaufen gehen. Und das nicht erst seit Kurzem, sondern seit meiner Kindheit und natürlich auch durch meine Schwangerschaften hindurch.

Während meiner Praxiseinsätze habe fest gestellt, wie verbohrt medizinisches Personal auf das Thema Übergewicht reagiert. Wenn man glaubt, die Behandlung von Schwangeren und Gebärenden wäre in unserer Kultur an der Pathologie orientiert, dem kann man noch einmal ein Klimax zeigen bei der Betreuung von übergewichtigen Schwangeren.

Dazu muss ich sagen, dass ich selbst davon wenig (wenn auch nicht garnichts) mitbekommen habe. Das mag daran liegen, dass ich mir bewusst ausschließlich Hebammenhilfe gesucht habe, die sehr auf die Physiologie bedacht war. Mir hat nie jemand gesagt, ich könne keine spontane Geburt haben, sie wäre schwieriger für mich oder ich würde meine Kinder durch mein Übergewicht gefährden.Meine Schwangerschaften waren problemlos, meine Geburten schnell und vergleichsweise leicht, meine Kinder gesund.

Nun ist nicht zu bestreiten, dass adipöse Schwangere statistisch gesehen diverse erhöhte Risiken haben an schwangerschaftsbedingten Komplikationen zu leiden.

Aber ich glaube nicht, dass das der springende Punkt ist. Es ist viel mehr die Angst der Menschen vor dem Übergewicht, vor der Identifikation mit dem Thema und mit allen, die es sind. Das geht manchmal bis zu einer unterbewussten Angst davor, sich mit „dieser Krankheit“ anzustecken. Auf einmal, wenn man der Thematik Übergewicht Raum gibt und sich damit ehrlich beschäftigt, selbst diese Willensschwäche und Maßlosigkeit in sich zu spüren, die man übergewichtigen Menschen andichtet. Ähnlich wie wenn jemand von Läusen spricht und alle fangen sich an zu kratzen.Das Thema Übergewicht ist in unserer Gesellschaft von offen geäußerten Vorurteilen behaftet, wie man es selten mehr über andere „Randgruppen“ antrifft.

Dementsprechend werden bei Frauen mit Adipositas häufiger Kaiserschnitte gemacht, obwohl diese nicht nötig sind. Auch eine PDA wird häufiger angeboten (und damit die Interventionsrate noch einmal drastisch erhöht). Man traut „den Dicken“ nichts zu und das Fatale ist, dass sie es sich selbst auch oft nicht zutrauen.

Es gibt Problematiken, die teufelskreismäßig ineinander greifen, die zum Übergewicht führen: Menschen haben einen schwerwiegenderen, oft unbewussten, Grund dick zu sein und ihrem Körper und ihrer Seele die damit verbundenen Schmerzen und Unannehmlichkeiten zu bereiten, als es nicht zu tun. Wenn sich die Seele gezwungen sieht, sich emotional durch einen physischen „Panzer“ zu schützen, dann muss das ein starker Grund sein. Warum sonst würde jemand sonst so selbstzerstörerisch handeln?

Wenn ich auch in die Problematik rund um Adipositas nicht tiefer in diesem Blog eintauchen mag, so wird doch durch die Kurzbeschreibung eins klar: die Schwangerschaft und Geburt können ein echter Wendepunkt für Frauen sein. Sie könnten beginnen, ihren Körper (den sie oft dem Geist unterordnen in seiner Wichtigkeit) wert zu schätzen und sich selbst mit Staunen, Wunder und Stolz betrachten. Die Leistung, ein Kind in sich wachsen zu lassen, ihm Platz zu geben und es zu nähren und schließlich im Kraftakt der Geburt in diese Welt zu bringen macht zu Recht stolz wie eine Löwin. Es gibt Selbstvertrauen und kann eine Versöhnung mit sich selbst beinhalten.

Insofern hat die gute Betreuung von Schwangeren mit Adipositas einen extremen Präventionswert. Ich spreche nicht nur von sinkenden Krankenkassenkosten, die mir aktuell eher herzlich egal sind (wenn ich die unnötig bezahlten Kaiserschnitte so sehe). Eher meine ich damit glücklichere Menschen, die auch Eltern sind und damit glücklichere Kinder, die dann eine Chance haben, von ihren Eltern diese gewonnen, und dann gelebten Werte zu übernehmen.

Das stille Grauen, dass Pflegepersonal und Ärzte gleichermaßen überkommt bei der Betreuung adipöser Schwangerer ist ungerecht und schließt die Augen vor den Möglichkeiten, die sich ihnen bieten (wie so oft). Eingängig blieb mir folgende Szene in Erinnerung:

Hebamme A unterhält sich mit Hebamme B über übergewichtige Schwangere, die in dieser Klinik ihr Kind bekommen wollen. Die Gewichtsgrenze ist aktuell bei 130kg, weil der OP-Tisch (sollte etwas passieren) angeblich nicht mehr aushält. Hebamme A plädiert dafür, den Grenzwert noch weiter zu senken. Sie fände die Betreuung adipöser Frauen generell abstoßend, beobachtet die Frauen nur so viel sie muss. Sie ekelt sich vor vaginalen Untersuchungen, wo, wenn die Frauen die Beine aufstellen und sie spreizen sollen, immernoch kein freier Zugang zur Vulva zu finden ist, da das ganze Beinfett dazwischen hinge. Außerdem möge sie diese Frauen nicht in Wannen gebären lassen, frei gewählte Geburtspositionen sind auch nicht gern gesehen. Man könne ja „im Notfall“ die Schwangere nicht irgendwohin hiefen. Das schaffe man als so zierliche Person ja garnicht. Hebamme B nickt zustimmend und erklärt, dass sie hofft, während ihrer Schwangerschaften irgendwann einmal nicht auch so dick zu werden.

Mir fällt bei diesem Gesprächsklumpen mit Bedauern eine Frau ein, die ohne Weiteres meiner Meinung nach hätte gebären können. Eine wunderschöne, jedoch auch sehr übergewichtige Schwangere, die mit Zuspruch und entsprechender Begleitung sich keinen primär geplanten Kaiserschnitt hätte aufschwatzen lassen. Als ihr Mann ihr für die OP Antithrombosestrümpfe anzog und dabei schwitze und keuchte, weil es eine Menge arbeit ist diese hoch zu zuppeln, fragte er, wieso diese blöden Strümpfe so einschnüren. Daraufhin erklärte ihm seine Frau: „Weil ich ein starkes Mädchen bin, Schatz…“. Ihr dabei sehr trauriges Lächeln hat mich tief berührt.

Schade, dass das Potential in der Betreuung gerade dieser Frauen so wenig beachtet wird. Für mich ein Beweis dafür, dass es eben doch nicht um Prävention und das Wohlergehen aller geht, sondern vor allem um das eigene Ego und die inneren Ängste jedes einzelnen, denen sie zu entkommen versuchen.

Zu guter letzt noch zwei Blogs zum Thema:

Wellrounded Mama (engl.) – Eine Blog, auch wenn es aktuell nicht mehr geführt wird, doch einige sehr entwaffnende Posts über allgemein bekannte Fehlannahmen über adipöse Schwangere und Gebärende enthält.

Plus Size Birth (engl.) – Auch ein Blog einer Frau, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrung gern anderen übergewichtigen Schwangeren Mut machen möchte und eine Plattform bieten möchte, um das Thema von Ängten und Schweigen zu befreien.

A Fat Rand (engl. – Youtube) – Zu guter letzt mein Lieblingsvideo, das „Entspann dich mal“ und „Übergewicht“ kombiniert.

Meilenstein #1

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Mein Einsatz im Kreißsaal ist zuende und der nächste Theorieblock hat begonnen. Rückblickend habe ich in diesem Einsatz wirklich viel gelernt.

Viel über Geburtsmedizin – wann wird eingeleitet, was sind Kaiserschnittindikationen, was sind häufige Abläufe, wo können Probleme entstehen, Medikamente …

Ein wenig über Geburtshilfe und -begleitung – wie wandeln sich gebärende Frauen in den unterschiedlichen Geburtsstadien. Die Gestik und Mimik, die Wortwahl, die Gesichtszüge, Bewegungen, Atem und Umgang mit den Wehen. Wie Frauen über sich hinaus wachsen, wie Frauen vor ihrer eigenen Kraft zurück schrecken. Wie manche Kinder den Großteil der Geburt allein zu machen scheinen, andere widerum kaum mithelfen. Kinder, die in Gesichtslage geboren werden, Frauen die ihre Vergangenheit überwinden und hinter sich lassen. Große und kleine Wunder.

Und sehr viel über mich.

Wie ich im Umgang mit den Frauen bin, was mir daran gefällt und woran ich arbeiten möchte. Was mir wichtig ist und worauf ich mich noch mehr konzentrieren sollte. Wo meine Ideale unangebracht sind und an welcher Stelle ich mich daran festklammern sollte. Über die Spiegelung meiner eigenen Erfahrungen und wie man diese nicht übermächtig werden lassen sollte. Über eigene Gefühlsregungen, Sympathien und Abneigungen und die Erschöpfung durch intensivste Geburtsbegleitung.

Alles in allem bin ich sehr dankbar für diese Ausbildung soweit. Auch, wenn mir die Situationen immer mal schwer fallen und die Geburtsmedizin alles anderem als meinen Wünschen für die Frauen und Kinder dieser Welt entsprechen – alles ist, wie es sein soll. Mein Weg fühlt sich richtig an.

In diesem Theorieblock lernen wir etwas, was ich seit Tagen mit gemischten Gefühlen beobachte: die vaginale Untersuchung und die dazu gehörenden Befunde. Einerseits ist das einer der Meilensteine auf dem Weg zum Examen: Vaginale Untersuchungen, „Dammschütze“, Plazentageburt und schließlich komplette Geburtsleitung. Und es ist ein weiterer Schritt in das, was die Leute oft als das empfinden, was Hebammen (und Gynäkologinnen) ihnen vorraus haben: den Zugriff auf das geheime weibliche Zentrum. Als hätte man Zutritt zu einer sehr gut geschützten, geheimen Tür. Und damit einhergehend die Annahme, man wäre auch sensibel und sanft genug, diesen Raum zu betreten – so wie sich das gehört, für das Allerheiligste.

Andererseits eben genau das: Eintritt in die Tiefen der Frau, der assoziierte Ort der Weiblichkeit und vor allem auch Verletzbarkeit einer jeden Frau. Und damit mächtige Verantwortung.

Für mich ist es eins bei der Geburt einer Frau dabei zu sein, sie zu massieren und nackt in einer ihrer schwersten, stärksten und schwächsten Momente zu erleben. Das ist intim. Aber noch etwas ganz anderes, direkt in sich vorzudringen immer im Bewusstsein um ihre Verletzbarkeit. Das ist über alle Maßen intim. Und ich bin jetzt – vor der Praxis – unsicher, wie ich damit umgehen können werde.

Ich kann mir sicher sein, dass meine vaginale Untersuchung um Befunde zu erheben anders ausfallen würde und wird als die mancher Hebammenkolleginnen. Nun auch an dieser manchmal entwürdigenden Praxis Teil zu nehmen füllt mich mit etwas gemischten Gefühlen.

In einer kleinen Gruppe haben wir heute verschiedenste Möglichkeiten bekommen, sowohl die Befunde zu erheben als auch die Rolle der Tastenden zu üben. Es waren verschiedenste Vulva-Würfel aufgebaut, hinter deren Gummioberfläche sich unterschiedlich weit geöffnete Muttermünder und verstrichende Gebärmutterhälse befanden, die wir ertasten und einordnen sollten. Ein Holzkasten mit Lochscheiben sollte uns ein Gefühl für die verschiedenen Weiten geben – von 1cm bis 10cm war alles dabei. Die grobe Anleitung, wonach man suchen sollte, wurde dann am geburtshilflichen Phantom aus Leder geüebt – der „Unterleib ohne Frau“ genannt. Dabei ganz wichtig: das Pokerface. Frauen schauen einen meißt genau an und lesen jeden Gesichtsausdruck ab. Ein überraschter, verwirrter, geschockter Gesichtsausdruck ist fast immer absolut nicht angebracht, egal was man ertastet. Die Gesichtszüge während der größten Konzentration unter Kontrolle zu bringen ist noch schwierig.

Letztendlich kann man sagen, dass wir uns am heutigen Tag alle ein bisschen hebammiger gefühlt haben als noch vor einigen Wochen. Im Raum kursierte die unausgesprochene Vision des Examenstag. Erster Meilenstein erreicht. Jetzt heißt es üben – mögen die Frauen es mir verzeihen – natürlich so sanft und einfühlsam wie irgendwie möglich.

Ich finde die Bilder von heute spiegeln den Zwiespalt, den ich beschreibe, gut wieder.