Archiv der Kategorie: Hebammenkoffer

Die stille Botschaft

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Die großen Aussagen, die wir während der Begleitung von Frauen während ihrer Geburt machen wollen ist: du bist sicher, du bist umsorgt, du bist respektiert – ganz egal, wie die Begleitumstände aussagen. Viele Künste machen die Geburtsbegleitung aus, diese Aussagen einer gebärenden Frau zu vermitteln ist eine davon. Und ein großer Teilaspekt davon ist die Körpersprache und wie wir uns der Frau gegenüber nähern – eine stille Botschaft an sie in einer Situation, wo die Atmosphäre einer der wichtigsten Geburtshelferinnen ist.

Dabei ist es wichtig, dass man sich zu jeder Zeit bewusst ist, dass man zu dieser Zeit an diesem Ort anwesend ist nur aus dem einen Zweck: dieser Frau zur Verfügung zu stehen und ihr zu dienen, sodass sie ihr Kind auf diese Welt bringen kann. Und zwar ausschließlich so, wie es die Frau braucht. Man bietet sich und die eigenen Ressourcen jemandem dar. Es ist eine demütige Arbeit, die man tut.

Meine Körpersprache soll das spiegeln. Ich will mein Körperlevel unter dem der Frau halten, mich im Raum positionieren in einer Form, die meine Bereitschaft aktiv zu werden zeigt und zwar genau dann, wenn sie es möchte und bis dahin zurückhaltendes Abwarten bedeuten. Ich kann ihr Augenkontakt bieten, ein sicheres Lächeln ohne Mitleid aber mit Mitgefühl.

Um meine Körpersprache zu beherrschen ist es wichtig, sich der eigenen Stimmung bewusst zu werden, bevor man zu einer Frau kommt. Dazu kann sich jede andere Werkzeuge suchen. Ich mag es aber, kurz vorher einmal tief durchzuatmen und mit meinem Ausatmen mein Ego und Stimmung gehen zu lassen und leer und offen zu werden.

Auch die Beobachtung der eigenen Körpersprache kann hilfreich sein. Wann reagiere ich wie, wie fühle ich mich, wenn ich mich bewusst anders positioniere? Wie geht es mir, wenn andere Leute eine gewisse Haltung einnehmen? Versuch macht kluch.

Das ist übrigens ein Grund, weshalb ich nicht daran glaube, dass man Geburtsbegleitung hauptberuflich und auf Dauer machen kann/sollte. Es ist einfach sehr anstrengend und emotional absolut fordernd. Ich bin mir im Übrigen im Klaren darüber, dass das im Alltag nicht immer so zu handhaben ist. Aber hey: shoot for the stars!

Merkt man, dass ich wieder mal eine spirituelle Phase habe? ;)

Geburtsvorbereitung mit dem „Inneren Team“

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Geburtsvorbereitung mit dem „Inneren Team“

Heute mal etwas aus der Psychologie-Ecke: ein Psychologe mit sehr guten Ansätzen ist Friedemann Schulz von Thun. Von ihm stammt auch das Konzept des „Inneren Teams“, das ich für ausgesprochen geeignet halte für beispielsweise Geburtsvorbereitung einer Schwangeren. Sei es die Eigenvorbereitung, die beraterische Vorbereitung oder auch beispielweise in Vorbereitung auf eine Folgegeburt nach einer traumatischen vorangegangenen Geburt. Und natürlich zu vielen anderen Gelegenheiten, die hier aber erstmal keine Rolle spielen sollen.

„Das Innere Team“

Die Umschreibung des „Inneren Teams“ erklärt ein Persönlichkeitsmodell des Menschen. Dabei stellen wir uns vor, dass der Mensch nicht ein starres Wesen ist – quasi wie ein Stück Ton, homogen und in einer einheit vorhanden. Vielmehr gibt es verschiedenste Anteile in einem, die gemeinschaftlich in veränderlichen Anteilen an Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Man kann sich das wie einen Raum vorstellen (die Persönlichkeit, also die Gesamtheit), in dem verschiedene Leute stehen. Diese Leute sind unsere Anteile und repräsentieren Gedankenströmungen. So ist z.B. kein Mensch „Die Selbstbewusste“ oder „Die Ängstliche“, sondern trägt in sich viele verschiedene Anteile, wovon vielleicht die „Selbstbewusste“ oder die „Ängstliche“ nur die am stärksten Ausgeprägte ist.

Das Modell beinhaltet auch die Annahme, dass diese ganzen Anteile in einem unter einem Oberhaupt versammelt sind – auch „Ich“ genannt. Er ist quasi wie ein Teamleiter, hört alle Anteile an (aktiv oder passiv) und vermittelt dann nach eine Verhaltensstrategie.

Nun kann eine Teamsitzung dieser Anteile und dem Oberhaupt (dem „Ich“) so ablaufen, dass alle Anteile („Teammitglieder“) gehört werden und ihre Sorgen und Meinungen ernst genommen werden. Oder es können welche unterdrückt werden, andere im Stillen heimlich die Bemühungen des stärksten boykottieren usw.

Es ist also ratsam, um eine von allen „Teammitgliedern“ getragene Entscheidung zu fällen, alle Anteile anzuhören. Nur so lässt sich eine authentische, von einem selbst voll unterstütze Entscheidung treffen, die nicht von innen boykottiert wird. Und somit sehr kraftvoll sein kann.

Anwendungsgebiet Geburtsvorbereitung

Mit Geburtsvorbereitung ist in diesem Artikel vor allem die eigene, innere und emotionale Vorbereitung auf die Geburt gemeint. Im Laufe einer Schwangerschaft laufen verschiedene innere Prozesse ab, die meißt vom aktuellen Zustand gesteuert sind, die auf die innere Bereitschaft, ein Kind zu gebären hinsteuern. Im ersten Trimenon sind andere Prozesse aktuell als im dritten, sie bauen außerdem aufeinander auf.

Um das Ganze mal zu konkretisieren ein Beispiel:
Lena G. erwartet ihr zweites Kind. Die erste Geburt hat sie als traumatisch erlebt. Jetzt ist sie in der 25. Schwangerschaftswoche und traut sich erst allmählich an die Entscheidung heran, wie sie ihr zweites Kind auf die Welt bringen will.

Eigentlich ist sie der Meinung, dass eine natürliche Geburt das Beste ist. Aber sie hat Angst vor den Schmerzen und dem Kontrollverlust, wie sie es bei der ersten Geburt erlebt hat.

Lena ist hin und hergezogen zwischen ihren verschiedenen Anteilen. Es gibt „die Ängstliche“, die vor den zum jetztigen Zeitpunkt unausweichlich scheinenden Schmerzen auf sie zu kommen. Auch davor, die Kontrolle über sich zu verlieren und zum Beispiel wie während der ersten Geburt lautes Tönen nicht unterdrücken zu können. Hinter der „Ängstlichen“ versteckt sich auch „die Schamhafte“: sie fürchtet, dass ihre Laute lächerlich klingen und während der letzten Geburt, erinnert sie sich, wurden ihre Geräusche von ihrer Freundin, die dabei war, auch manchmal belacht. Es gibt „die Angepasste“, die glaubt, dass sie sich nicht so anstellen sollte – Kinderkriegen ist nuneinmal so, da muss man durch. Das ist der Preis dafür, Kinder zu haben. Und auch, dass die Art der Geburt ja nun nicht so eine große Rolle spielt – schließlich kommt es auf das Ergebnis an: Kind und Mutter sind wohlauf. Die „Natürliche“ setzt sich für die natürliche Geburt ein. Sie findet, Kinder sollten so geboren werden – schließlich ist es für die Mutter als auch das Kind das beste und gesündeste. Von den vielen Vorteilen weiß sie auch. Dahinter versteckt sich noch der Anteil „die Mutter“, die nur den bestmöglichen Start für ihr Kind möchte. Und es gibt auch die „Revolutionäre“, die sich nach dem Geburtserlebnis sehnt. Sie hat schon oft gehört, dass die Geburt das Schönste Ereignis im Leben einer Frau sein kann und wünscht sich, verlangt geradezu, dieses Erlebnis auch zu haben und die Stärke daraus mitzunehmen.

Wenn alle Anteile gesichtet und identifiziert werden, kann bereits ein Lösungsprozess in Lena G. eintreten. Sie weiß dann, was das für Anteile in ihr sind und sie kann auch ausmachen, wie stark diese Anteile jeweilig sind. Denn die Gewichtung der Teammitglieder ist natürlich nicht immer gleich. So kann sie schrittweise für sich ausmachen, welche Anteile in ihr am stärksten sind und vielleicht sogar zu einer Entscheidung finden. Damit ihre Entscheidung authentisch und stark ist, muss sie auch die schwächeren Anteile in ihr „befrieden“ – auch diese ernst nehmen und gegebenenfalls etwas in ihre Entscheidung einbauen (sei es auch nur eine innere Haltung), die auch diese Teile befriedigen, oder zumindest dafür sorgen, dass die Entscheidung des Inneren Teams nicht von diesen Anteilen boykottiert werden.

Nur dann ist sie in der Lage, eine solche Entscheidung durch schwierige Phasen zu tragen, zu verteidigen und durch zu ziehen. Beispielsweise während der Geburt selbst, wenn eventuell schmerzhafte Wehen dafür sorgen, dass sie aufgeben will. Sie ist dann eher in der Lage, an ihrer Entscheidung fest zu halten und Wege zu finden, wie sie trotzdem gut durch die Geburt kommt.

Weiterführendes:

Wikipedia über „das Innere Team“

Das Innere Team von Friedemann Schulz von Thun – Theoretische Darstellung und Praxistransfer

Das Innere Team in Aktion – Praktische Arbeit mit dem Modell

Habt ihr bereits Erfahrung damit gemacht? Vielleicht auch nicht in dem Bewusstsein, dass ein gewisser Herr Schulz von Thun das schon benannt hat (so ging es mir)? Könnt ihr euch das in der Praxis vorstellen?

Meilenstein #1

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Mein Einsatz im Kreißsaal ist zuende und der nächste Theorieblock hat begonnen. Rückblickend habe ich in diesem Einsatz wirklich viel gelernt.

Viel über Geburtsmedizin – wann wird eingeleitet, was sind Kaiserschnittindikationen, was sind häufige Abläufe, wo können Probleme entstehen, Medikamente …

Ein wenig über Geburtshilfe und -begleitung – wie wandeln sich gebärende Frauen in den unterschiedlichen Geburtsstadien. Die Gestik und Mimik, die Wortwahl, die Gesichtszüge, Bewegungen, Atem und Umgang mit den Wehen. Wie Frauen über sich hinaus wachsen, wie Frauen vor ihrer eigenen Kraft zurück schrecken. Wie manche Kinder den Großteil der Geburt allein zu machen scheinen, andere widerum kaum mithelfen. Kinder, die in Gesichtslage geboren werden, Frauen die ihre Vergangenheit überwinden und hinter sich lassen. Große und kleine Wunder.

Und sehr viel über mich.

Wie ich im Umgang mit den Frauen bin, was mir daran gefällt und woran ich arbeiten möchte. Was mir wichtig ist und worauf ich mich noch mehr konzentrieren sollte. Wo meine Ideale unangebracht sind und an welcher Stelle ich mich daran festklammern sollte. Über die Spiegelung meiner eigenen Erfahrungen und wie man diese nicht übermächtig werden lassen sollte. Über eigene Gefühlsregungen, Sympathien und Abneigungen und die Erschöpfung durch intensivste Geburtsbegleitung.

Alles in allem bin ich sehr dankbar für diese Ausbildung soweit. Auch, wenn mir die Situationen immer mal schwer fallen und die Geburtsmedizin alles anderem als meinen Wünschen für die Frauen und Kinder dieser Welt entsprechen – alles ist, wie es sein soll. Mein Weg fühlt sich richtig an.

In diesem Theorieblock lernen wir etwas, was ich seit Tagen mit gemischten Gefühlen beobachte: die vaginale Untersuchung und die dazu gehörenden Befunde. Einerseits ist das einer der Meilensteine auf dem Weg zum Examen: Vaginale Untersuchungen, „Dammschütze“, Plazentageburt und schließlich komplette Geburtsleitung. Und es ist ein weiterer Schritt in das, was die Leute oft als das empfinden, was Hebammen (und Gynäkologinnen) ihnen vorraus haben: den Zugriff auf das geheime weibliche Zentrum. Als hätte man Zutritt zu einer sehr gut geschützten, geheimen Tür. Und damit einhergehend die Annahme, man wäre auch sensibel und sanft genug, diesen Raum zu betreten – so wie sich das gehört, für das Allerheiligste.

Andererseits eben genau das: Eintritt in die Tiefen der Frau, der assoziierte Ort der Weiblichkeit und vor allem auch Verletzbarkeit einer jeden Frau. Und damit mächtige Verantwortung.

Für mich ist es eins bei der Geburt einer Frau dabei zu sein, sie zu massieren und nackt in einer ihrer schwersten, stärksten und schwächsten Momente zu erleben. Das ist intim. Aber noch etwas ganz anderes, direkt in sich vorzudringen immer im Bewusstsein um ihre Verletzbarkeit. Das ist über alle Maßen intim. Und ich bin jetzt – vor der Praxis – unsicher, wie ich damit umgehen können werde.

Ich kann mir sicher sein, dass meine vaginale Untersuchung um Befunde zu erheben anders ausfallen würde und wird als die mancher Hebammenkolleginnen. Nun auch an dieser manchmal entwürdigenden Praxis Teil zu nehmen füllt mich mit etwas gemischten Gefühlen.

In einer kleinen Gruppe haben wir heute verschiedenste Möglichkeiten bekommen, sowohl die Befunde zu erheben als auch die Rolle der Tastenden zu üben. Es waren verschiedenste Vulva-Würfel aufgebaut, hinter deren Gummioberfläche sich unterschiedlich weit geöffnete Muttermünder und verstrichende Gebärmutterhälse befanden, die wir ertasten und einordnen sollten. Ein Holzkasten mit Lochscheiben sollte uns ein Gefühl für die verschiedenen Weiten geben – von 1cm bis 10cm war alles dabei. Die grobe Anleitung, wonach man suchen sollte, wurde dann am geburtshilflichen Phantom aus Leder geüebt – der „Unterleib ohne Frau“ genannt. Dabei ganz wichtig: das Pokerface. Frauen schauen einen meißt genau an und lesen jeden Gesichtsausdruck ab. Ein überraschter, verwirrter, geschockter Gesichtsausdruck ist fast immer absolut nicht angebracht, egal was man ertastet. Die Gesichtszüge während der größten Konzentration unter Kontrolle zu bringen ist noch schwierig.

Letztendlich kann man sagen, dass wir uns am heutigen Tag alle ein bisschen hebammiger gefühlt haben als noch vor einigen Wochen. Im Raum kursierte die unausgesprochene Vision des Examenstag. Erster Meilenstein erreicht. Jetzt heißt es üben – mögen die Frauen es mir verzeihen – natürlich so sanft und einfühlsam wie irgendwie möglich.

Ich finde die Bilder von heute spiegeln den Zwiespalt, den ich beschreibe, gut wieder.

Vom verlorenen Handwerk

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Bisher habe ich jeden Dienst meines Kreißsaaleinsatzes dazu genutzt, die Bäuche der Schwangeren mittels Leopold-Handgriffen abzutasten. Erstens, um den Kontakt zu den Frauen aufzunehmen, ihnen näher zu kommen und das über eine offenbar professionelle Handlung und damit auch Teilnehmen an ihrer persönlichen Geschichte. Aber zum zweiten und damit vor allem auch um eine Vorstellung von der Lage der Kinder im Bauch zu bekommen.

Soweit so gut – die Leopold-Handgriffe wurden in der Hebammenschule unterrichtet, wir haben sie grob geübt und wurden aufgefordert, sie ruhig an jeder sich anbietenden Schwangeren zu üben. Da sie in den meißten Fällen schmerzfrei sind und oft sogar angenehm also bedenkenlos anzuwenden.

Wo ist die Gebärmutteroberkante? Was ist darin zu fühlen? Wo fühle ich den Rücken des Kindes und wo vermute ich die sogenannten „kleinen Teile“ – Ärmchen und Beinchen – als unebenere Fläche? Wie tief steht der Kopf des Babies im Becken und ist er fest im Becken oder lässt er sich noch hin- und herwackeln? Diese Fragen werden mittels der Leopold-Handgriffe im Idealfall direkt beantwortet. Eigentlich könnten sie uns aber noch viel mehr verraten (und damit eventuell Rückschlüsse auf die kommende/laufende Geburt ziehen):

Ist der Rücken seitlich nach vorn (anterior) oder seitlich nach hinten (posterior) gelegen? Wie ist das Bindegewebe der Frau? Wie ist der Muskeltonus der Gebärmutter? Wie angespannt die Bauchdecke? Reagiert ihr Kind auf mich? Ist es aktiv, eher zurückhaltend, ertragend oder wehrt es sich gegen Berührung von außen (durch mich)?

Das alles sind Antworten auf Fragen, die leider garnicht gestellt werden. In der Praxis wird im Kreißsaal von Hebammen oder Ärzten kein einziges Mal ein Leopold-Handgriff angewendet. Weder bei den Kontroll-CTGs, die so oft geschrieben werden, noch während der Geburtsphasen. Bisher hatte ich leider auch noch keine Gelegenheit (und nicht den Mut zu fragen) während einer Geburt nach dem Kind zu tasten – auch, weil die Frau für mich als ungeübte Tasterin liegen müsste, und ich sie nicht aktiv zum Liegen auffordern möchte nur um nachzutasten.

Was aber könnte ein häufigeres (und kontinuierliches) Tasten für Vorteile in der Geburtshilfe (und Schwangerenvorsorge) bringen? Man könnte Lagen und Haltungen des Kindes erkennen, die später eventuell(!) zu Komplikationen führen könnten, und der Mutter gezielt andere Positionen vorschlagen. Man könnte bereits während der Schwangerschaft darauf Einfluss nehmen, wie sich ein Kind in das Becken einstellt, in dem man der Frau bestimmte Übungen zeigt, die die Muskeln kräftigen und damit eine andere Haltung und Lage der Gebärmutter (und damit des Kindes) begünstigen. Man könnte unzählige vaginale Untersuchungen vermeiden und trotzdem den Geburtsfortschritt verfolgen.

Versteht mich nicht falsch – ich bin nicht dafür, alle Babies in eine Lage zu normen. Aber das handwerkliche Geschick der Hebamme, nämlich unter anderem das Tasten nach dem Kind im Bauch dessen Mutter, stirbt aus. Eine angenehmere, erfolgreichere und interventionsärmere Geburtshilfe siecht dahin. Sei es drum – ich kann nicht die ganze Welt retten.

Was mich als Hebammenschülerin aber ärgert ist mein Alleingang. Ich taste Befunde und will sie besprechen. Ich will, dass jemand nachtastet um meine Erfahrungen zu bestätigen oder meine Versuche zu lenken. Ich will meine Beobachtungen in Relation setzen und mögliche Folgen, Vorschläge an die Mutter und Überlegungen teilen oder erklärt bekommen. „Die Gebärmutter dieser Frau hat einen extremen „Ausfall“ nach rechts, was sagt mir das? Was für geburtshilfliche Relevanz hat das?“ „Das Köpfchen des Kindes dieser Frau ist fest und unabschiebbar im Becken, die Oberkante der Gebärmutter geht aber noch bis fast über den Rippenbogen hinaus. Ist es ein langes Kind?“ … Auch die Schätzwerte eines Kindes anhand der manuellen Tastung über den Bauch, ein manchmal hilfreiches Wissen – all diese Dinge lerne ich nicht. Niemand im Kreißsaal weiß Antworten auf meine Fragen und ich lerne schnell, sie nicht mehr zu stellen. Ich muss mich selbst hinsetzen und meine Beobachtungen in ein Heft eintragen in der Hoffnung, dass ich die Frau bei der Geburt wieder sehe und somit meine Befunde in Relation zum Geburtsgeschehen setzen kann. Quasi das Rad nocheinmal neu erfinden – weil ich in der Ausbildung zur Hebamme nicht alle Dinge lerne, die eine Hebamme können sollte (meiner Ansicht nach). Ich habe die grobe Vermutung, dass sich das nicht nur auf die manuelle Diagnostik beziehen wird.

Interessant dagegen finde ich, dass dergleichen in aktuellen geburtshilflichen Lehrbüchern kaum bis garnicht erwähnt wird. Die Zusammenhängezwischen Haltung der Mutter, Vorlieben in ihrer Haltung, die Haltungen der Kinder, Gewebetypen und Geburtsgeschehnisse – diese Sachen findet man in alten Lehrbüchern durchaus noch. Zum Beispiel in einem staubigen Exemplar des Klassikers „Lehrbuch der Geburtshilfe“ von Stoeckel aus den 1940er Jahren. Ein Schatz an Erfahrungen, die heute kaum noch Relevanz finden weil es Ultraschall gibt, die Schwangeren/Gebärenden an vaginalen Untersuchungen en masse nicht mehr sterben und es zur Not ja Kaiserschnitt und Vakuumextraktion (Saugglockeneinsatz) gibt.

Bleibt mir wohl nur, irgendwann die „weisen Frauen“ der Geburtshilfe zu suchen, die all das nicht vergessen haben. Und das Selbststudium.

Blessingway: Die Geburts-Kette

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Blessingway – zu Deutsch jemanden segnen. Eine Art des Segens, oder auch die Segnung für das Kommende? Umschreiben tut dieser Anglizismus eine schöne Tradition, wie die Metamorphose einer Frau und die Geburt eines Kindes gefeiert werden kann. Man kommt zusammen, mal ausschließlich Frauen, mal auch Männer und Kinder. Jede(r) bringt etwas zu essen und zu trinken mit, Ziel ist nämlich die Hochschwangere zu verwöhnen. Es werden sich Geburtsgeschichten erzählt, Gedanken zum Stillen und zur Mutterschaft, zur Elternwerdung und zum Abschied vom bisherigen Leben (sei das auch das einer Mutter oder das einer bisher kinderlosen Frau). Es ist also ein Übergangsfest und -ritual und kann ganz frei nach Schnauze gestaltet werden.

Im besten Fall fühlt sich die Hochschwangere hinterher sicher in ihre sozialen Netze eingebettet, entspannt und umsorgt, bestärkt und ermutigt, zuversichtlich und vor allem satt.

In den kommenden Wochen sammeln sich hier Möglichkeiten, wie man eine Blessingway-Feier bunt gestalten kann. Dank meinem Hang zur Spiritualität wird auch die nicht zu kurz kommen.

Eine Geburts-Kette zu basteln ist eine tolle Idee, um zusammen mit der Schwangeren zu reflektieren, was   sie sich für die kommende Geburt und die Zeit danach wünscht, woran sie sich erinnern möchte und woran sie sich fest halten kann. Vor allem letzteres ist der Aspekt einer Geburts-Kette.

Perle für Perle wandern die reflektierten und mit kraftvollen Assoziationen bedachten Perlen auf den Faden und bilden einen ästhetisch erdenden Anker für die Geburtsarbeit (und die Zeit nach der Geburt).

Beispielsweise könnte die vor der Geburt stehende Frau ihre Kette mit kleineren Perlen auffüllen, die die Wehen symbolisieren, die sie durchleben und veratmen (und vielleicht verfluchen?) wird. Nichtdestotrotz sind nicht mehr als eine begrenzte Menge Perlen auf der Kette – ein starkes Symbol für die Endlichkeit einer großen Geburtsanstrengung, die auf einen zu kommen kann. In Gedanken könnte die Frau wie bei einer Gebetskette eine Perle bei Seite schieben – „diese habe ich geschafft.“

Diese Arbeit, Perle für Perle aufzufädeln und mit Assoziationen zu belegen, kann im kleinen oder großen Kreis passieren. Andere Frauen können einwerfen, was Ihnen hilfreich war und die Frau bestärken in ihren Ideen. Eine Bestärkungskultur (statt einer Angstkultur) kann uns Frauen nur helfen, in Selbstvertrauen, Zuversicht und Hoffnung zu gebären.

Und auch wenn dabei keine kraftvollen Anker zur Realität für die Geburtszeit entstehen. Dies Kette ist doch wenigstens ein schönes, schmückendes Andenken für die Frau, die dann ihr Baby geboren hat und nach und nach die Zeit der Mutterwerdung wieder hinter sich lässt.

Abschließend noch einige Links zum Thema Geburts-Kette:

Wer anderen eine Grube gräbt …

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Ein Problem im Berufsstand der Hebamme: Es ist die Motivation der Frauen, die Hebammen werden wollen, die oft unreflektiert bleiben und damit auf ganz subtiler Ebene begleitete Familien verletzen können. Dabei glaube ich nicht, dass Hebammen perfekte Menschen sein sollten. Und wäre sie es nicht, wäre sie eine schlechte Hebamme (der Ruf ertönt leider oft bei den Frauen und Familien und ich hab ihn in früherer Zeit auch schon selbst erklingen lassen). Aber reflektieren sollte sie darüber, warum sie diesen Beruf machen will und er sie so magisch anzieht.

Und jetzt Achtung: meine Theorie dazu!

Hebamme ist der archaischste, urweiblichste Beruf überhaupt. Frauen fühlen sich zu den Themen Schwangerschaft, Geburt, Stillen usw. hingezogen, weil sie das Thema Weiblichkeit fasziniert und wie magisch anzieht. Und meiner Theorie nach, haben genau diese Frauen (inkl. mir) ein großes Feld ihres „Lebensthemas“ mit der Problematik Weiblichkeit belegt. Blabla, will heißen: Frauen, die es zum Beruf der Hebamme zieht, haben/hatten ein Problem mit ihrer Weiblichkeit. Mit ihrer Entwicklung zur Frau, mit ihrer Identität als Frau, mit ihrer Beziehung zu Frauen, zur eigenen Körperlichkeit und Sexualität – oder alles auf einmal.

Damit kommt eine unglaubliche Stärke in die Geburtshilfe, nämlich dass die Hebammen-Frauen den Fokus auf Weiblichkeits-Themen legen und damit recht heilsam auf andere Frauen wirken können. Denn von einer Hebamme betreut zu werden bedeutet keineswegs nur, dass sie einen wiegt, misst und Werte notiert. Es ist ja der große Wert einer Hebamme, dass es eine Frau ist, die für eine andere Frau in einem urweiblichen Lebensumstand Ansprechpartnerin ist.

Es besteht aber auch eine Gefahr durch die Konstellation. Dadurch, dass man als Hebammen-Frau unreflektiert an die Arbeit geht. Es passiert ganz leicht, dass man versucht die Erlebnisse und Erfahrunge der Weiblichkeit anderer Frauen für sich selbst nutzt. Man nimmt einer frisch gewordenen Mutter das Neugeborene ab, wickelt es selbst und kann sich auf die Schulter klopfen, weil man einen Hauch des Lebens als junge Mutter schnüffeln konnte. Man leitet die Geburt einer Gebärenden, gibt ihr die Gebärart vor und unterbricht sie in ihrem Prozess – und hat hinterher die Gewissheit, dass die Frau ohne einen selbst nicht so gut geboren hätte, eine doofe Erfahrung gemacht, einen unintakten Damm hätte etc. Und wieder klopft man sich auf die Schulter – man hat die Frau entbunden.

Wir (werdenden) Hebammen können so leicht und subtil anderen Frauen ihre Erlebnisse „stehlen“. Wir können sie manipulieren, zu unseren eigenen machen und daraus Energie ziehen. Es ist ein sehr dünner Grat zwischen Manipulation und Hilfe zur Selbsthilfe, den wir da laufen müssen. Und keine von uns ist davor gefeit, uns das eine oder andere Mal schuldig zu machen.

Ich glaube mit ganzem Herzen:

wir müssen uns metaphorisch die Hände in die Schöße legen, innerlich ruhig werden und tief durchatmen bevor wir andere Frauen betreuen. Es sind ihre Erfahrungen, ihre Erlebnisse und ihre Entscheidungen. Wir sollten den Frauen helfen, ihren eigenen Weg zu finden, zu ihrer eigenen Stärke zu finden und diese zu benutzen. Wir dürfen unsere Arbeit nicht missbrauchen. Und wir haben auch die Aufgaben als Hebammen-Frauen, selbst Frau zu sein – unsere eigenen Erfahrungen in unserer Weiblichkeit zu machen, unsere eigenen Kinder zu gebären, unsere eigene Sexualität zu gestalten, unsere eigene weibliche Stärke zu finden.

Denn wenn wir die Frauen ihrer Erfahrungen und Erlebnisse berauben, dafür unrechtmäßíg die Verantwortung tragen, dann stehlen wir uns selbst auch ein großes Stück Stärke. Wir glauben dann, dass die Frauen (und Kinder und Väter) nicht selbst dazu in der Lage sind. Man sagt: Makrokosmus gleich Mikrokosmus. So wie wir die Menschen sehen, so denken wir auch von uns selbst. Wir berauben uns dadurch selbst genauso, wie die Frauen, die wir betreuen…

* Nacheditiert: Diese ganzen Prozesse laufen selten bewusst ab.

Familienorientierter Kaiserschnitt

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Vor Kurzem habe ich ein Video auf Youtube gefunden, das ich gern mit euch teilen will. Nun ist es mir wohl bekannt, dass die meisten werdenden Hebammen während ihrer Ausbildung diese Art von Kaiserschnitt vermutlich nicht erleben werden. So hohe Erwartungen habe ich garnicht. Aber meine Hoffnungen sind schon so hoch – denn irgendwann wird sich etwas ändern müssen. Ich hoffe, die Möglichkeit, eine Kaiserschnittgeburt auf diese Art und Weise zu gestalten spricht sich herum und sowohl wir – die Hebammen von morgen – als auch die werdenden Eltern fordern, dass sich das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Familienorientierung der Geburtshilfe etabliert.

Wie der Chirurg im Video sagt: es ist wirklich ein marginaler Unterschied im Aufwand, aber ein riesiger Unterschied was die Zufriedenheit, das Erlebnis und das Bonding der Familien angeht.

(Das Video ist auf Englisch (UK), aber die Bilder sprechen auch für sich):

Ein Weg, wie man als werdende Eltern auf eine frauen-, baby- und familienorientierte Geburtshilfe während des Kaiserschnitts hinarbeiten kann ist der Geburtsplan (über den ich auch mal schreiben will *notizmach*). Dieser knackig-kurze Plan wird idealerweise mit dem betreuenden Personal vorher besprochen oder zumindest in den Mutterpass gelegt und sollte für einen Kaiserschnitt meiner Meinung (und nach Aussage des Videos) folgendes enthalten:

  • Wenn möglich sollten körpereigene Wehen abgewartet werden, bevor man zum Kaiserschnitt greift. Dieses Vorgehen ist in den allermeisten Fällen möglich und erleichtert dem Kind die Anpassung an die Welt außerhalb des Bauches durch die Ausschüttung diverser Stoffe.
  • Der Vater sollte während der OP anwesend sein und neben seiner Frau stehen dürfen.
  • Die OP sollte mit einer Spinale oder PDA gemacht werden, Vollnarkosen nur für den absoluten Notfall reserviert sein.
  • Katheter zur Ableitung des Urins sollten erst gesetzt werden, wenn die Narkose bereits wirkt – dieser Eingriff ist nämlich meist unangenehm.
  • Während der OP sollte der Kreißsaal, in den man hinterher wieder gebracht wird, abgedunkelt, eventuell mit Kerzen bestückt werden. Eine ruhige Atmosphäre sollte ermöglicht werden.
  • Während der OP sollte das Kind langsam entwickelt werden, sodass eine gradweise Ankunft in dieser Welt möglich ist und das Kind durch die Kompressionen Fruchtwasser los werden kann.
  • Die Nabelschnurr muss nicht sofort durchtrennt werden, das Auspulsieren lassen ist auch während der Kaiserschnitts meist möglich. Die Plazenta beinhaltet nach der Geburt fast noch 1/3 des Blutes, das dem Kind ohne Auspulsieren und Blutübertragung sonst fehlen würde. Atemschwierigkeiten und Probleme mit der Sauerstoffversorung und Temperaturhaltung sind die Folge. Der Vater kann die Nabelschnur selbst durchschneiden bzw. kürzer schneiden durch eine dritte Nabelklemme.
  • Das Kind kann sofort auf die nackte Brust der Mutter gelegt werden. Die Hebamme kann sich um alle folgenden, sofort nötigen Untersuchungen kümmern, während das Kind dort liegt.
  • Wiegen, Vermessen u.Ä. kann nach der Bondingzeit im Kreißsaal vor der Verlegung auf die Wöchnerinnenstation stattfinden.
  • Wieder im Kreißsaal angekommen sollten Mutter und Kind zwar von einer Hebamme „überwacht“ werden, um Komplikationen auszuschließen, aber nichtsdestotrotz lässt sich dieser Moment ruhig und intim gestalten.
  • Das Kind kann sofort stillen. Manche Kinder haben auch nach solch einem Kaiserschnitt Schwierigkeiten von selbst zur Brust zu finden. Mit etwas Stillhilfe klappt es jedoch in den meisten Fällen gut.

Der Aufenthalt auf der Wöchnerinnstation ist auch ein Thema um einen schönen, angenehmen, geborgenen Start in das Familienleben zu erleben:

  • Familienzimmer mit Rooming in für den Vater und evtl. Geschwisterkinder (mit 3 weiteren Kindern ist das sicher schwieriger als mit einem weiteren Kleinkind…)
  • Die Mutter mit in die Säuglingspflege einbeziehen sobald sie dazu in der Lage ist (körperlich). Bis dahin alles genau erklären, sanft und vorsichtig mit dem Neugeborenen umgehen. Der Mutter fällt es oft leichter zu akzeptieren, dass ihr Kind von einer fremden Frau versorgt wird, wenn man es sehr liebevoll macht und die Mutter soweit es geht verbal involviert. Mit Fragen, die aus ihrer Erfahrung kommen und zur Pflege beitragen, kann man ihre Selbständigkeit und bereits jetzt vorhandene Fürsorgemöglichkeit dem Kind gegenüber verdeutlichen.
  • Stillhilfe bieten, wann immer gebraucht.
  • Mutter und Kind im selben Bett schlafen lassen, dazu die Seiten des Bettes sichern. Die Mutter aufklären zum sicheren Schlafen und ermutigen zum Co-Sleeping.
  • Den Vater, wenn er anwesend ist, sollte ermutigend in die Pflege des Neugeborenen eingeführt werden. Es gilt: Eltern vor Personal.

Ich halte Geburtspläne für enorm wichtig, auch wenn sie in manchen Kliniken nicht für voll genommen oder sogar mit Missmut betrachtet werden. Nur durch unsere Forderung, Personal und Privatperson gleichermaßen, wird sich etwas ändern.