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Familienorientierter Kaiserschnitt

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Vor Kurzem habe ich ein Video auf Youtube gefunden, das ich gern mit euch teilen will. Nun ist es mir wohl bekannt, dass die meisten werdenden Hebammen während ihrer Ausbildung diese Art von Kaiserschnitt vermutlich nicht erleben werden. So hohe Erwartungen habe ich garnicht. Aber meine Hoffnungen sind schon so hoch – denn irgendwann wird sich etwas ändern müssen. Ich hoffe, die Möglichkeit, eine Kaiserschnittgeburt auf diese Art und Weise zu gestalten spricht sich herum und sowohl wir – die Hebammen von morgen – als auch die werdenden Eltern fordern, dass sich das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Familienorientierung der Geburtshilfe etabliert.

Wie der Chirurg im Video sagt: es ist wirklich ein marginaler Unterschied im Aufwand, aber ein riesiger Unterschied was die Zufriedenheit, das Erlebnis und das Bonding der Familien angeht.

(Das Video ist auf Englisch (UK), aber die Bilder sprechen auch für sich):

Ein Weg, wie man als werdende Eltern auf eine frauen-, baby- und familienorientierte Geburtshilfe während des Kaiserschnitts hinarbeiten kann ist der Geburtsplan (über den ich auch mal schreiben will *notizmach*). Dieser knackig-kurze Plan wird idealerweise mit dem betreuenden Personal vorher besprochen oder zumindest in den Mutterpass gelegt und sollte für einen Kaiserschnitt meiner Meinung (und nach Aussage des Videos) folgendes enthalten:

  • Wenn möglich sollten körpereigene Wehen abgewartet werden, bevor man zum Kaiserschnitt greift. Dieses Vorgehen ist in den allermeisten Fällen möglich und erleichtert dem Kind die Anpassung an die Welt außerhalb des Bauches durch die Ausschüttung diverser Stoffe.
  • Der Vater sollte während der OP anwesend sein und neben seiner Frau stehen dürfen.
  • Die OP sollte mit einer Spinale oder PDA gemacht werden, Vollnarkosen nur für den absoluten Notfall reserviert sein.
  • Katheter zur Ableitung des Urins sollten erst gesetzt werden, wenn die Narkose bereits wirkt – dieser Eingriff ist nämlich meist unangenehm.
  • Während der OP sollte der Kreißsaal, in den man hinterher wieder gebracht wird, abgedunkelt, eventuell mit Kerzen bestückt werden. Eine ruhige Atmosphäre sollte ermöglicht werden.
  • Während der OP sollte das Kind langsam entwickelt werden, sodass eine gradweise Ankunft in dieser Welt möglich ist und das Kind durch die Kompressionen Fruchtwasser los werden kann.
  • Die Nabelschnurr muss nicht sofort durchtrennt werden, das Auspulsieren lassen ist auch während der Kaiserschnitts meist möglich. Die Plazenta beinhaltet nach der Geburt fast noch 1/3 des Blutes, das dem Kind ohne Auspulsieren und Blutübertragung sonst fehlen würde. Atemschwierigkeiten und Probleme mit der Sauerstoffversorung und Temperaturhaltung sind die Folge. Der Vater kann die Nabelschnur selbst durchschneiden bzw. kürzer schneiden durch eine dritte Nabelklemme.
  • Das Kind kann sofort auf die nackte Brust der Mutter gelegt werden. Die Hebamme kann sich um alle folgenden, sofort nötigen Untersuchungen kümmern, während das Kind dort liegt.
  • Wiegen, Vermessen u.Ä. kann nach der Bondingzeit im Kreißsaal vor der Verlegung auf die Wöchnerinnenstation stattfinden.
  • Wieder im Kreißsaal angekommen sollten Mutter und Kind zwar von einer Hebamme „überwacht“ werden, um Komplikationen auszuschließen, aber nichtsdestotrotz lässt sich dieser Moment ruhig und intim gestalten.
  • Das Kind kann sofort stillen. Manche Kinder haben auch nach solch einem Kaiserschnitt Schwierigkeiten von selbst zur Brust zu finden. Mit etwas Stillhilfe klappt es jedoch in den meisten Fällen gut.

Der Aufenthalt auf der Wöchnerinnstation ist auch ein Thema um einen schönen, angenehmen, geborgenen Start in das Familienleben zu erleben:

  • Familienzimmer mit Rooming in für den Vater und evtl. Geschwisterkinder (mit 3 weiteren Kindern ist das sicher schwieriger als mit einem weiteren Kleinkind…)
  • Die Mutter mit in die Säuglingspflege einbeziehen sobald sie dazu in der Lage ist (körperlich). Bis dahin alles genau erklären, sanft und vorsichtig mit dem Neugeborenen umgehen. Der Mutter fällt es oft leichter zu akzeptieren, dass ihr Kind von einer fremden Frau versorgt wird, wenn man es sehr liebevoll macht und die Mutter soweit es geht verbal involviert. Mit Fragen, die aus ihrer Erfahrung kommen und zur Pflege beitragen, kann man ihre Selbständigkeit und bereits jetzt vorhandene Fürsorgemöglichkeit dem Kind gegenüber verdeutlichen.
  • Stillhilfe bieten, wann immer gebraucht.
  • Mutter und Kind im selben Bett schlafen lassen, dazu die Seiten des Bettes sichern. Die Mutter aufklären zum sicheren Schlafen und ermutigen zum Co-Sleeping.
  • Den Vater, wenn er anwesend ist, sollte ermutigend in die Pflege des Neugeborenen eingeführt werden. Es gilt: Eltern vor Personal.

Ich halte Geburtspläne für enorm wichtig, auch wenn sie in manchen Kliniken nicht für voll genommen oder sogar mit Missmut betrachtet werden. Nur durch unsere Forderung, Personal und Privatperson gleichermaßen, wird sich etwas ändern.