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Vom verlorenen Handwerk

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Bisher habe ich jeden Dienst meines Kreißsaaleinsatzes dazu genutzt, die Bäuche der Schwangeren mittels Leopold-Handgriffen abzutasten. Erstens, um den Kontakt zu den Frauen aufzunehmen, ihnen näher zu kommen und das über eine offenbar professionelle Handlung und damit auch Teilnehmen an ihrer persönlichen Geschichte. Aber zum zweiten und damit vor allem auch um eine Vorstellung von der Lage der Kinder im Bauch zu bekommen.

Soweit so gut – die Leopold-Handgriffe wurden in der Hebammenschule unterrichtet, wir haben sie grob geübt und wurden aufgefordert, sie ruhig an jeder sich anbietenden Schwangeren zu üben. Da sie in den meißten Fällen schmerzfrei sind und oft sogar angenehm also bedenkenlos anzuwenden.

Wo ist die Gebärmutteroberkante? Was ist darin zu fühlen? Wo fühle ich den Rücken des Kindes und wo vermute ich die sogenannten „kleinen Teile“ – Ärmchen und Beinchen – als unebenere Fläche? Wie tief steht der Kopf des Babies im Becken und ist er fest im Becken oder lässt er sich noch hin- und herwackeln? Diese Fragen werden mittels der Leopold-Handgriffe im Idealfall direkt beantwortet. Eigentlich könnten sie uns aber noch viel mehr verraten (und damit eventuell Rückschlüsse auf die kommende/laufende Geburt ziehen):

Ist der Rücken seitlich nach vorn (anterior) oder seitlich nach hinten (posterior) gelegen? Wie ist das Bindegewebe der Frau? Wie ist der Muskeltonus der Gebärmutter? Wie angespannt die Bauchdecke? Reagiert ihr Kind auf mich? Ist es aktiv, eher zurückhaltend, ertragend oder wehrt es sich gegen Berührung von außen (durch mich)?

Das alles sind Antworten auf Fragen, die leider garnicht gestellt werden. In der Praxis wird im Kreißsaal von Hebammen oder Ärzten kein einziges Mal ein Leopold-Handgriff angewendet. Weder bei den Kontroll-CTGs, die so oft geschrieben werden, noch während der Geburtsphasen. Bisher hatte ich leider auch noch keine Gelegenheit (und nicht den Mut zu fragen) während einer Geburt nach dem Kind zu tasten – auch, weil die Frau für mich als ungeübte Tasterin liegen müsste, und ich sie nicht aktiv zum Liegen auffordern möchte nur um nachzutasten.

Was aber könnte ein häufigeres (und kontinuierliches) Tasten für Vorteile in der Geburtshilfe (und Schwangerenvorsorge) bringen? Man könnte Lagen und Haltungen des Kindes erkennen, die später eventuell(!) zu Komplikationen führen könnten, und der Mutter gezielt andere Positionen vorschlagen. Man könnte bereits während der Schwangerschaft darauf Einfluss nehmen, wie sich ein Kind in das Becken einstellt, in dem man der Frau bestimmte Übungen zeigt, die die Muskeln kräftigen und damit eine andere Haltung und Lage der Gebärmutter (und damit des Kindes) begünstigen. Man könnte unzählige vaginale Untersuchungen vermeiden und trotzdem den Geburtsfortschritt verfolgen.

Versteht mich nicht falsch – ich bin nicht dafür, alle Babies in eine Lage zu normen. Aber das handwerkliche Geschick der Hebamme, nämlich unter anderem das Tasten nach dem Kind im Bauch dessen Mutter, stirbt aus. Eine angenehmere, erfolgreichere und interventionsärmere Geburtshilfe siecht dahin. Sei es drum – ich kann nicht die ganze Welt retten.

Was mich als Hebammenschülerin aber ärgert ist mein Alleingang. Ich taste Befunde und will sie besprechen. Ich will, dass jemand nachtastet um meine Erfahrungen zu bestätigen oder meine Versuche zu lenken. Ich will meine Beobachtungen in Relation setzen und mögliche Folgen, Vorschläge an die Mutter und Überlegungen teilen oder erklärt bekommen. „Die Gebärmutter dieser Frau hat einen extremen „Ausfall“ nach rechts, was sagt mir das? Was für geburtshilfliche Relevanz hat das?“ „Das Köpfchen des Kindes dieser Frau ist fest und unabschiebbar im Becken, die Oberkante der Gebärmutter geht aber noch bis fast über den Rippenbogen hinaus. Ist es ein langes Kind?“ … Auch die Schätzwerte eines Kindes anhand der manuellen Tastung über den Bauch, ein manchmal hilfreiches Wissen – all diese Dinge lerne ich nicht. Niemand im Kreißsaal weiß Antworten auf meine Fragen und ich lerne schnell, sie nicht mehr zu stellen. Ich muss mich selbst hinsetzen und meine Beobachtungen in ein Heft eintragen in der Hoffnung, dass ich die Frau bei der Geburt wieder sehe und somit meine Befunde in Relation zum Geburtsgeschehen setzen kann. Quasi das Rad nocheinmal neu erfinden – weil ich in der Ausbildung zur Hebamme nicht alle Dinge lerne, die eine Hebamme können sollte (meiner Ansicht nach). Ich habe die grobe Vermutung, dass sich das nicht nur auf die manuelle Diagnostik beziehen wird.

Interessant dagegen finde ich, dass dergleichen in aktuellen geburtshilflichen Lehrbüchern kaum bis garnicht erwähnt wird. Die Zusammenhängezwischen Haltung der Mutter, Vorlieben in ihrer Haltung, die Haltungen der Kinder, Gewebetypen und Geburtsgeschehnisse – diese Sachen findet man in alten Lehrbüchern durchaus noch. Zum Beispiel in einem staubigen Exemplar des Klassikers „Lehrbuch der Geburtshilfe“ von Stoeckel aus den 1940er Jahren. Ein Schatz an Erfahrungen, die heute kaum noch Relevanz finden weil es Ultraschall gibt, die Schwangeren/Gebärenden an vaginalen Untersuchungen en masse nicht mehr sterben und es zur Not ja Kaiserschnitt und Vakuumextraktion (Saugglockeneinsatz) gibt.

Bleibt mir wohl nur, irgendwann die „weisen Frauen“ der Geburtshilfe zu suchen, die all das nicht vergessen haben. Und das Selbststudium.

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