Wer anderen eine Grube gräbt …

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Ein Problem im Berufsstand der Hebamme: Es ist die Motivation der Frauen, die Hebammen werden wollen, die oft unreflektiert bleiben und damit auf ganz subtiler Ebene begleitete Familien verletzen können. Dabei glaube ich nicht, dass Hebammen perfekte Menschen sein sollten. Und wäre sie es nicht, wäre sie eine schlechte Hebamme (der Ruf ertönt leider oft bei den Frauen und Familien und ich hab ihn in früherer Zeit auch schon selbst erklingen lassen). Aber reflektieren sollte sie darüber, warum sie diesen Beruf machen will und er sie so magisch anzieht.

Und jetzt Achtung: meine Theorie dazu!

Hebamme ist der archaischste, urweiblichste Beruf überhaupt. Frauen fühlen sich zu den Themen Schwangerschaft, Geburt, Stillen usw. hingezogen, weil sie das Thema Weiblichkeit fasziniert und wie magisch anzieht. Und meiner Theorie nach, haben genau diese Frauen (inkl. mir) ein großes Feld ihres „Lebensthemas“ mit der Problematik Weiblichkeit belegt. Blabla, will heißen: Frauen, die es zum Beruf der Hebamme zieht, haben/hatten ein Problem mit ihrer Weiblichkeit. Mit ihrer Entwicklung zur Frau, mit ihrer Identität als Frau, mit ihrer Beziehung zu Frauen, zur eigenen Körperlichkeit und Sexualität – oder alles auf einmal.

Damit kommt eine unglaubliche Stärke in die Geburtshilfe, nämlich dass die Hebammen-Frauen den Fokus auf Weiblichkeits-Themen legen und damit recht heilsam auf andere Frauen wirken können. Denn von einer Hebamme betreut zu werden bedeutet keineswegs nur, dass sie einen wiegt, misst und Werte notiert. Es ist ja der große Wert einer Hebamme, dass es eine Frau ist, die für eine andere Frau in einem urweiblichen Lebensumstand Ansprechpartnerin ist.

Es besteht aber auch eine Gefahr durch die Konstellation. Dadurch, dass man als Hebammen-Frau unreflektiert an die Arbeit geht. Es passiert ganz leicht, dass man versucht die Erlebnisse und Erfahrunge der Weiblichkeit anderer Frauen für sich selbst nutzt. Man nimmt einer frisch gewordenen Mutter das Neugeborene ab, wickelt es selbst und kann sich auf die Schulter klopfen, weil man einen Hauch des Lebens als junge Mutter schnüffeln konnte. Man leitet die Geburt einer Gebärenden, gibt ihr die Gebärart vor und unterbricht sie in ihrem Prozess – und hat hinterher die Gewissheit, dass die Frau ohne einen selbst nicht so gut geboren hätte, eine doofe Erfahrung gemacht, einen unintakten Damm hätte etc. Und wieder klopft man sich auf die Schulter – man hat die Frau entbunden.

Wir (werdenden) Hebammen können so leicht und subtil anderen Frauen ihre Erlebnisse „stehlen“. Wir können sie manipulieren, zu unseren eigenen machen und daraus Energie ziehen. Es ist ein sehr dünner Grat zwischen Manipulation und Hilfe zur Selbsthilfe, den wir da laufen müssen. Und keine von uns ist davor gefeit, uns das eine oder andere Mal schuldig zu machen.

Ich glaube mit ganzem Herzen:

wir müssen uns metaphorisch die Hände in die Schöße legen, innerlich ruhig werden und tief durchatmen bevor wir andere Frauen betreuen. Es sind ihre Erfahrungen, ihre Erlebnisse und ihre Entscheidungen. Wir sollten den Frauen helfen, ihren eigenen Weg zu finden, zu ihrer eigenen Stärke zu finden und diese zu benutzen. Wir dürfen unsere Arbeit nicht missbrauchen. Und wir haben auch die Aufgaben als Hebammen-Frauen, selbst Frau zu sein – unsere eigenen Erfahrungen in unserer Weiblichkeit zu machen, unsere eigenen Kinder zu gebären, unsere eigene Sexualität zu gestalten, unsere eigene weibliche Stärke zu finden.

Denn wenn wir die Frauen ihrer Erfahrungen und Erlebnisse berauben, dafür unrechtmäßíg die Verantwortung tragen, dann stehlen wir uns selbst auch ein großes Stück Stärke. Wir glauben dann, dass die Frauen (und Kinder und Väter) nicht selbst dazu in der Lage sind. Man sagt: Makrokosmus gleich Mikrokosmus. So wie wir die Menschen sehen, so denken wir auch von uns selbst. Wir berauben uns dadurch selbst genauso, wie die Frauen, die wir betreuen…

* Nacheditiert: Diese ganzen Prozesse laufen selten bewusst ab.

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  1. wow

    das ist eine Seite der Geburtshilfe, die mir nicht bewusst war!
    Ich würde mich aber auch mit einer jugendlichen Lesbenphase und unerfülltem Kinderwunsch nicht unbedingt zu den Frauen zählen, die ein Problem mit ihrer Weiblichkeit haben/ hatten… ich kann natürlich auch nicht sagen, wie ich im Kreißsaal handeln werde, aber die Geburt als MEINEN Prozess zu betrachten… komische Idee.

    aber wenn ich so drüber nachdenke: mag sein, dass es zumindest einigen Hebammen so geht.

    LG
    Vp

  2. „Hebamme ist der archaischste, urweiblichste Beruf überhaupt.“

    Ja. Ich bin sehr dankbar, dass ich eine wundervolle Hebamme gefunden habe (nach drei nicht so berauschende Erfahrungen). Wie Du schreibst, glaube ich auch, Du wirst eben eine solche wunderbare Geburtshelferin werden!

    Und komischerweise: ich würde niemals selber Hebamme werden wollen, obschon das Gebären mir nichts ausmacht, im Gegenteil, mich wirklich ausfüllt und doch meine Weiblichkeit zur vollen Geltung bringt (zumindest MIR geht das so…).

    Ich glaube, es gehört eine Berufung zu diesem Lebensweg. Und ich glaube, Du hast sie.

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