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Meilenstein #1

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Mein Einsatz im Kreißsaal ist zuende und der nächste Theorieblock hat begonnen. Rückblickend habe ich in diesem Einsatz wirklich viel gelernt.

Viel über Geburtsmedizin – wann wird eingeleitet, was sind Kaiserschnittindikationen, was sind häufige Abläufe, wo können Probleme entstehen, Medikamente …

Ein wenig über Geburtshilfe und -begleitung – wie wandeln sich gebärende Frauen in den unterschiedlichen Geburtsstadien. Die Gestik und Mimik, die Wortwahl, die Gesichtszüge, Bewegungen, Atem und Umgang mit den Wehen. Wie Frauen über sich hinaus wachsen, wie Frauen vor ihrer eigenen Kraft zurück schrecken. Wie manche Kinder den Großteil der Geburt allein zu machen scheinen, andere widerum kaum mithelfen. Kinder, die in Gesichtslage geboren werden, Frauen die ihre Vergangenheit überwinden und hinter sich lassen. Große und kleine Wunder.

Und sehr viel über mich.

Wie ich im Umgang mit den Frauen bin, was mir daran gefällt und woran ich arbeiten möchte. Was mir wichtig ist und worauf ich mich noch mehr konzentrieren sollte. Wo meine Ideale unangebracht sind und an welcher Stelle ich mich daran festklammern sollte. Über die Spiegelung meiner eigenen Erfahrungen und wie man diese nicht übermächtig werden lassen sollte. Über eigene Gefühlsregungen, Sympathien und Abneigungen und die Erschöpfung durch intensivste Geburtsbegleitung.

Alles in allem bin ich sehr dankbar für diese Ausbildung soweit. Auch, wenn mir die Situationen immer mal schwer fallen und die Geburtsmedizin alles anderem als meinen Wünschen für die Frauen und Kinder dieser Welt entsprechen – alles ist, wie es sein soll. Mein Weg fühlt sich richtig an.

In diesem Theorieblock lernen wir etwas, was ich seit Tagen mit gemischten Gefühlen beobachte: die vaginale Untersuchung und die dazu gehörenden Befunde. Einerseits ist das einer der Meilensteine auf dem Weg zum Examen: Vaginale Untersuchungen, „Dammschütze“, Plazentageburt und schließlich komplette Geburtsleitung. Und es ist ein weiterer Schritt in das, was die Leute oft als das empfinden, was Hebammen (und Gynäkologinnen) ihnen vorraus haben: den Zugriff auf das geheime weibliche Zentrum. Als hätte man Zutritt zu einer sehr gut geschützten, geheimen Tür. Und damit einhergehend die Annahme, man wäre auch sensibel und sanft genug, diesen Raum zu betreten – so wie sich das gehört, für das Allerheiligste.

Andererseits eben genau das: Eintritt in die Tiefen der Frau, der assoziierte Ort der Weiblichkeit und vor allem auch Verletzbarkeit einer jeden Frau. Und damit mächtige Verantwortung.

Für mich ist es eins bei der Geburt einer Frau dabei zu sein, sie zu massieren und nackt in einer ihrer schwersten, stärksten und schwächsten Momente zu erleben. Das ist intim. Aber noch etwas ganz anderes, direkt in sich vorzudringen immer im Bewusstsein um ihre Verletzbarkeit. Das ist über alle Maßen intim. Und ich bin jetzt – vor der Praxis – unsicher, wie ich damit umgehen können werde.

Ich kann mir sicher sein, dass meine vaginale Untersuchung um Befunde zu erheben anders ausfallen würde und wird als die mancher Hebammenkolleginnen. Nun auch an dieser manchmal entwürdigenden Praxis Teil zu nehmen füllt mich mit etwas gemischten Gefühlen.

In einer kleinen Gruppe haben wir heute verschiedenste Möglichkeiten bekommen, sowohl die Befunde zu erheben als auch die Rolle der Tastenden zu üben. Es waren verschiedenste Vulva-Würfel aufgebaut, hinter deren Gummioberfläche sich unterschiedlich weit geöffnete Muttermünder und verstrichende Gebärmutterhälse befanden, die wir ertasten und einordnen sollten. Ein Holzkasten mit Lochscheiben sollte uns ein Gefühl für die verschiedenen Weiten geben – von 1cm bis 10cm war alles dabei. Die grobe Anleitung, wonach man suchen sollte, wurde dann am geburtshilflichen Phantom aus Leder geüebt – der „Unterleib ohne Frau“ genannt. Dabei ganz wichtig: das Pokerface. Frauen schauen einen meißt genau an und lesen jeden Gesichtsausdruck ab. Ein überraschter, verwirrter, geschockter Gesichtsausdruck ist fast immer absolut nicht angebracht, egal was man ertastet. Die Gesichtszüge während der größten Konzentration unter Kontrolle zu bringen ist noch schwierig.

Letztendlich kann man sagen, dass wir uns am heutigen Tag alle ein bisschen hebammiger gefühlt haben als noch vor einigen Wochen. Im Raum kursierte die unausgesprochene Vision des Examenstag. Erster Meilenstein erreicht. Jetzt heißt es üben – mögen die Frauen es mir verzeihen – natürlich so sanft und einfühlsam wie irgendwie möglich.

Ich finde die Bilder von heute spiegeln den Zwiespalt, den ich beschreibe, gut wieder.

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Wer anderen eine Grube gräbt …

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Ein Problem im Berufsstand der Hebamme: Es ist die Motivation der Frauen, die Hebammen werden wollen, die oft unreflektiert bleiben und damit auf ganz subtiler Ebene begleitete Familien verletzen können. Dabei glaube ich nicht, dass Hebammen perfekte Menschen sein sollten. Und wäre sie es nicht, wäre sie eine schlechte Hebamme (der Ruf ertönt leider oft bei den Frauen und Familien und ich hab ihn in früherer Zeit auch schon selbst erklingen lassen). Aber reflektieren sollte sie darüber, warum sie diesen Beruf machen will und er sie so magisch anzieht.

Und jetzt Achtung: meine Theorie dazu!

Hebamme ist der archaischste, urweiblichste Beruf überhaupt. Frauen fühlen sich zu den Themen Schwangerschaft, Geburt, Stillen usw. hingezogen, weil sie das Thema Weiblichkeit fasziniert und wie magisch anzieht. Und meiner Theorie nach, haben genau diese Frauen (inkl. mir) ein großes Feld ihres „Lebensthemas“ mit der Problematik Weiblichkeit belegt. Blabla, will heißen: Frauen, die es zum Beruf der Hebamme zieht, haben/hatten ein Problem mit ihrer Weiblichkeit. Mit ihrer Entwicklung zur Frau, mit ihrer Identität als Frau, mit ihrer Beziehung zu Frauen, zur eigenen Körperlichkeit und Sexualität – oder alles auf einmal.

Damit kommt eine unglaubliche Stärke in die Geburtshilfe, nämlich dass die Hebammen-Frauen den Fokus auf Weiblichkeits-Themen legen und damit recht heilsam auf andere Frauen wirken können. Denn von einer Hebamme betreut zu werden bedeutet keineswegs nur, dass sie einen wiegt, misst und Werte notiert. Es ist ja der große Wert einer Hebamme, dass es eine Frau ist, die für eine andere Frau in einem urweiblichen Lebensumstand Ansprechpartnerin ist.

Es besteht aber auch eine Gefahr durch die Konstellation. Dadurch, dass man als Hebammen-Frau unreflektiert an die Arbeit geht. Es passiert ganz leicht, dass man versucht die Erlebnisse und Erfahrunge der Weiblichkeit anderer Frauen für sich selbst nutzt. Man nimmt einer frisch gewordenen Mutter das Neugeborene ab, wickelt es selbst und kann sich auf die Schulter klopfen, weil man einen Hauch des Lebens als junge Mutter schnüffeln konnte. Man leitet die Geburt einer Gebärenden, gibt ihr die Gebärart vor und unterbricht sie in ihrem Prozess – und hat hinterher die Gewissheit, dass die Frau ohne einen selbst nicht so gut geboren hätte, eine doofe Erfahrung gemacht, einen unintakten Damm hätte etc. Und wieder klopft man sich auf die Schulter – man hat die Frau entbunden.

Wir (werdenden) Hebammen können so leicht und subtil anderen Frauen ihre Erlebnisse „stehlen“. Wir können sie manipulieren, zu unseren eigenen machen und daraus Energie ziehen. Es ist ein sehr dünner Grat zwischen Manipulation und Hilfe zur Selbsthilfe, den wir da laufen müssen. Und keine von uns ist davor gefeit, uns das eine oder andere Mal schuldig zu machen.

Ich glaube mit ganzem Herzen:

wir müssen uns metaphorisch die Hände in die Schöße legen, innerlich ruhig werden und tief durchatmen bevor wir andere Frauen betreuen. Es sind ihre Erfahrungen, ihre Erlebnisse und ihre Entscheidungen. Wir sollten den Frauen helfen, ihren eigenen Weg zu finden, zu ihrer eigenen Stärke zu finden und diese zu benutzen. Wir dürfen unsere Arbeit nicht missbrauchen. Und wir haben auch die Aufgaben als Hebammen-Frauen, selbst Frau zu sein – unsere eigenen Erfahrungen in unserer Weiblichkeit zu machen, unsere eigenen Kinder zu gebären, unsere eigene Sexualität zu gestalten, unsere eigene weibliche Stärke zu finden.

Denn wenn wir die Frauen ihrer Erfahrungen und Erlebnisse berauben, dafür unrechtmäßíg die Verantwortung tragen, dann stehlen wir uns selbst auch ein großes Stück Stärke. Wir glauben dann, dass die Frauen (und Kinder und Väter) nicht selbst dazu in der Lage sind. Man sagt: Makrokosmus gleich Mikrokosmus. So wie wir die Menschen sehen, so denken wir auch von uns selbst. Wir berauben uns dadurch selbst genauso, wie die Frauen, die wir betreuen…

* Nacheditiert: Diese ganzen Prozesse laufen selten bewusst ab.

„Jetzt fühle ich mich als Frau“

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… sagte eine junge Frau, 19 Jahre alt, gerade in dem absolut hochwertigen Fernsehformat „Extrem schön“ (mal angenommen, ich hab die ganze peinliche Erklärung, warum ich denn das überhaupt gesehen habe, schon hinter mir – spart Platz und Zeit *hüstel*).

Sie hatte sich in der Sendung angemeldet, weil sie seit dem Beginn ihrer Pubertät viel gehänselt und nun mit einem zerschmetternden Selbstbild da saß. Schuld waren eine „Höckernase“ und kleine Brüste, sagte die in meinen Augen an vielen Stellen sehr erdig anmutende Frau. Nachdem das Programm durchgezogen war – Höcker abgetragen, Brüste vergrößert (gab es eine Aufklärung zum späteren Stillen?), einen Dreijahresplan mit dem Kiefernorthopäden ausgehandelt – strahlte eine mit viel Make-Up versehene, glückliche Frau in die Kamera. Ihr naturrotes Lockenhaar war einer glatten Strähnchenfrisur, stark durchgestuft, gewichen. Die bodenständige Kleidung einer Lackhose und einer lilafarbenen Jacke.

… um das ganze mal abzukürzen und Urteile weitgehend zu vermeiden: was führt eine zur Entwicklung einer weiblichen Identität? Was erleben sehr junge Frauen als weiblich? Und auch die Frage (für mich als Mutter und Tochter) inwiefern tragen Eltern bei zur Geschlechteridentifizierung – z.B. durch Vorbild?

Überhaupt wirkt es, als gäbe es auf die Frage nach der weiblichen Identität nur eine schwammige Antwort. Vielleicht ja auch gar keine mehr in Zeiten, wo „sex“ und „gender“ am liebsten garkeine bis kaum eine Rolle spielen sollten und Gleichheit im Sinne von „alles für jeden“ gewünscht wird. Oder auch das andere extrem, viele neu belebte Meinungen wie beispielsweise die einer Eva Herman kursieren.

Für mich eine spannende, wichtige Frage als Frau, die in einem der urweiblichsten Berufe des Lebens arbeiten möchte. Oder ist auch das längst nicht mehr so – mit dem Blick auf männliche Hebammen, Geburtshelfer. Im Niederländischen „vroedvrouw“ – eindeutig als Frau bezeichnet, der Geburtshelfer hingegen ist der „vroedmeester“, der Meister.

Ich will der Sache mal auf den Grund gehen. Fühlt euch aufgerufen zum Austausch. Was früher das Mix-Tape war, ist inzwischen ja die Link-Weitergabe. Also:

Weibliche Identität – Die Hebamme (Schweiz)

Für ausuferndere Posts über Gedanken zum Thema brauch ich mehr Zeit und noch ein bisschen mehr Mut.

Nachdenklichst, Oona