Hebammenkunst heißt Gleichgewicht

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Nach meinem Dienst heute konnte ich einfach noch nicht nach Hause gehen. Obwohl ich schon viel zu lange auf Arbeit war und mich sehr nach meiner Familie gesehnt hab. Die vergangene Geburt saß mir sehr im Nacken, die kurz vor meinem Dienstschluss ein Ende gefunden hat. Ich versuche das in meinem Kopf zusammenzubasteln.

Eine Frau, die ich ca. 5 Stunden intensivst mitbetreut habe, hat eine wunderschöne Geburt hingelegt. Da konnte auch der störende Zugang in ihrem Arm keinen Abbruch tun. Sie hatte ein großes Nähebedürfnis und war so sehr offen für ermunternde Worte, dass es fast greifbar war. Eigentlich wollte sie eine natürliche Geburt. In den Anfangszügen der Geburt wollte sie dann eine PDA haben, die sie dann durch gemeinsames Atmen, massieren, Wärme, vorgeschlagene Bewegungen nicht mehr gebraucht hat. Tapfer hat sie sich durch jede Wehe gearbeitet. Musik, Gespräche, Massage, Streicheln, Stirn kalt abwischen, Becken schütteln – wir haben die Zeit zusammen gut rum gebracht. Nur das CTG entlockte der Hebamme immer mal ein Stirnrunzeln – mir weniger, weil ich das noch schlecht einschätzen kann. Ich tendiere eher dazu, suspekte Verläufe zu bagatellisieren. Mir zu denken „nun lasst doch die Frau in Ruhe, dann wird das auch schon wieder“ oder „sie braucht keine Infusion, sie trinkt jetzt einfach mal einen halben Liter“.

Die Geburt war ein Traum, die Frau sehr kraftvoll auch wenn sie mit Mühe und Not an den Interventionen vorbeigeschrabbt ist. Aber leider kam das Kind blitzeblau aus ihrem Bauch mit einem Schwall dunkelgrünen Fruchtwassers. Es atmete nicht gleich, wurde sofort abgenabelt und weggebracht zur REA-Einheit. Wie war das neulich, als Rixa von „Stand and Deliver“ ihre Tochter zuhause allein auf die Welt brachte und die nicht gleich atmete? (und ihr Video dazu (YouTube).Es hat mir das Herz gebrochen die Frau aus ihrem Freudentaumel gerissen zu sehen. Sie hat ihr Kind nur kurz gesehen, bevor es per Krankenwagen auf eine Kinderintensivstation verlegt wurde.

Ich habe das Bedürfnis, all diese Sachen zu verstehen und in den richtigen Kontext zu setzen. Langsam wird mir aktiv bewusst, dass auch das die Arbeit einer Hebamme ist – das Abwägen, wann eine Intervention unumgänglich ist und sie dann trotz Bedauern und nicht mit blindem „das wird schon werden“ schnell und ohne Aufhebens durch zu bringen. Nicht nur – wie es mein Ansatz ist – so wenig Interventionen rein zu bringen, wie möglich. Beides im Gleichgewicht.

Und dementsprechend ist es gut, dass ich das jetzt erlebe. Das gibt mir die Ehrfurcht und Demut vor dieser Arbeit zurück, nimmt mir ein bisschen die Bitterkeit über die ständig schlimmen Geburtserlebnisse der Frauen. Denn nach drei Jahren Ausbildung, 10 Jahren Erfahrung (oder einem Medizinstudium) ist man noch immer nicht Zwerg Allwissend und es tragen Hebammen und Ärzte noch immer die Last des Abwägens auf den eigenen Schultern. Immer, zu jedem Zeitpunkt. So wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Ganz unabhängig davon ist es eins der schönsten Komplimente überhaupt, wenn eine Frau sagt „Durch dich an meiner Seite gab es keine Sekunde der Angst während meiner Geburt.“. Und meine erste Schachtel „Merci“, sorgfältig verpackt und mit Dankeskarte lag heute auch im Dienstzimmer.

Überwältigung.

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Eine Antwort »

  1. oh you are learning so quickly! Seriously – this is the most important of all. Yes – too much intervention is not so good, but use it wisely. We are lucky to have intervention some of the time. Admitting this and seeing this will make you such a good midwife. I wrote about this recently – „I trust Midwives“ – birth is wild and crazy and women and babies die all the time without good care. You cannot trust that birth will happen easily and perfectly all the time. So be ready and do not hesitate to use your tools and your hands, your skills and your knowledge. Just don’t use them all the time! Love to you! Sending your client love and blessings that her baby will be just fine.

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