Die schmerzlose Geburt #1

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Im Laufe der letzten 30 Jahre, parallel zu den Hippy-Bewegungen, hat sich eine Geburtskultur entwickelt, die sich der Geburtsmedizin entgegen gestellt hat. Back to the roots:  unter einem ausladenden Sommerbaum die Hüfte kreisend, tiefe Tierlaute von sich gebend gebärten die Frauen plötzlich ihre Babys, die sie danach liebevoll auf die Brust nahmen, um sie danach von selbst zur Brust finden zu lassen. Wir haben dieser Bewegung viel zu verdanken – sie ist es, die mächtige Kräfte aufgebracht hat und noch heute die Grundfesten der Geburtsmedizin erschüttert, sodass endlich wirkliche Fakten über die Geburt auf den Tisch kommen, nach denen gearbeitet wird (Evidenz basierte Medizin) und die Frauen und Kinder tendenziell eher die Betreuung und Begleitung bekommen, die sie verdienen und benötigen.

Aber natürlich gibt es in jeder Bewegung extreme Ausläufer. Ein entsprechendes Phänomen wäre die Behauptung, dass die Geburt eigentlich ein schmerzfreier Vorgang wäre – würde die Frau nicht so zugeschüttet mit Ängsten, Interventionen und unpassenden Geburtsatmosphären. Um Missverständnissen vorzubeugen: ich spreche niemandem eine schmerzfreie oder -arme Geburt ab. Es gibt solche Geburtserfahrungen – daran zweifle ich nicht im Geringsten.

Als eine der Trägerinnen dieses Glaubens seien zu nennen Marie F. Mongan, die eine Methode namens Hypnobirthing erdacht hat. Ihre Methode umfasst eingehende Aufklärung zu den Vorgängen während der Geburt, die Ermutigung sich passende Geburtsbegleiterinnen* zu suchen, Entspannungsmaßnahmen, Atmungsübungen und diverse Elemente der Hypnose und Selbsthypnose. Mongan bietet indirekt Hyponobirthing-Kurse durch zertifizierte Hypnobirthing-Kursleiterinnen an, sowie ein Buch (wobei empfohlen wird, beides zu kaufen …).

Klingt nicht verkehrt, oder? Informationen über die Abläufe, die Frauen anregen selbstinformierte und -bestimmte Entscheidungen zu treffen und ihnen „Handfestes“ zu geben, mit dem sie sich durch die Wehen arbeiten können. Dazu kommt allerdings noch der penetrante Ton und die propagandaartige Anpreisung der Möglichkeit, schmerzfrei zu gebären. Man muss sich nur frei von Ängsten machen, eine geborgene Atmosphäre haben und natürlich sowohl das Buch, als auch die Kurse durchgearbeitet haben. Bei Youtube kann man sich dann an regnerischen Sonntagen davon überzeugen, dass es möglich ist. Frauen gebären fast geräuschlos und geistig an einem scheinbar besseren Ort ihre Kinder: Hier oder hier.

Wenn das mal nicht eine Karotte vor der Nase ist. Denn das Problem ist: so viele Stimmen fanatisch an der Möglichkeit festhalten, Geburt könne und müsse eigentlich schmerzfrei oder mindestens wie ein straffer Spaziergang an einem Frühlingstag sein – so viele Stimmen enttäuschter Hypnobirthing-Hoffenden gibt es zu hören. Manche sind wütend, manche sind traurig. Aber die meisten klingen doch ziemlich enttäuscht – hatte man Ihnen doch den heiligen Gral versprochen, die schmerzlose Geburt. Der Traum aller Frauen seit Anbeginn der Zeit.

Oder nicht? (… weiter geht’s im zweiten Teil )

* Männer sind mitgemeint.

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  1. Pingback: Die schmerzlose Geburt #2 « Traumberuf Hebamme

  2. Du warst vielleicht in mein Geburtsklasse gestern? Das ist jetzt ein ganz wichtige Thema ich freue mich das du darueber schreibst…..ich glaube ich werde auch!

  3. Hallo Oona!
    Während meines Praktikums bei einer Hausgeburten Hebamme hatte sie eine Frau, die seid der 20. SSW jeden Tag die Hypnobirthing Übungen gemacht hat. Als die Hebamme dann am Montag erzählt hat, dass das Baby am WE gekommen ist, war ich schon ganz gespannt. Und die Hebamme war baff. Sie begleitet seid über 20 Jahren Hausgeburten und hat sowas noch nie miterlebt. Sie hat gesagt die Frau hat das Baby einfach „rausgeatmet“. Kein pressen, kein drücken. Garnix. Und natürlich tut eine Geburt immer weh, aber die Frau war sehr begeistert. Ihre ersten beiden Geburten waren schwer, und sie war so begeistert weil sie sagt es war 10000 mal besser, als die ersten Geburten.
    Ich glaube, eine „schmerzfreie“ Geburt gibt es garnicht, und das sollten sich Frauen bewusst machen. Ich denke schon, dass das Hypnobirthing einen positiven Einfluss hat, die Frauen dürfen nur nicht mit der Erwartung rangehen, keine Schmerzen zu haben. So seh ich das :)

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